Auch nach einem turbulenten Jahr 2022 bleibt das Thema Nachhaltigkeit in 2023 weiterhin zentral. Ophélie Mortier, Chief Sustainable Investment Officer bei DPAM, beleuchtet die wichtigsten Entwicklungen hierzu im kommenden Jahr.

Mit Blick auf das Jahr 2023 und darüber hinaus genießt das Thema Nachhaltigkeit weiterhin höchste Priorität für Regierungen, Unternehmen und Investoren gleichermaßen. Der vor uns liegende Weg ist voller Hindernisse, angefangen bei den Herausforderungen der Regulierung des Marktes für nachhaltige Investitionen bis hin zur dringenden Notwendigkeit einer größeren Energiesicherheit und der Finanzierung des Übergangs zu einer Netto-Null-Welt. Gleichzeitig sind die Chancen für eine nachhaltige Transformation enorm, mit dem Potenzial für neue Technologien, Handelspartner und Investitionsmöglichkeiten, die einen positiven Wandel vorantreiben.

Im Folgenden finden Sie fünf Schlüsselthemen, die unserer Meinung nach, den nachhaltigen Wandel in den kommenden Jahren prägen werden.

1. Ein herausforderndes regulatorisches Umfeld

Das Thema Regulierung stellt für die Marktteilnehmer eine der größten Herausforderungen dar. Das Aufkommen von ESG (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) hat zu einer verstärkten Kontrolle und der Notwendigkeit größerer Transparenz geführt, um Missbrauch wie „Greenwashing“ (d. h. die Praxis, falsche oder irreführende Behauptungen über die Umweltvorteile eines Produkts oder einer Dienstleistung aufzustellen) zu vermeiden. In jüngster Zeit haben wir auch mehrere Fälle von so genanntem „Green Bleaching“ beobachtet (d. h. die Praxis, die Umweltvorteile eines Produkts oder einer Dienstleistung absichtlich nicht anzugeben, um die mit solchen Angaben verbundenen Berichtspflichten zu umgehen). Mehrere Finanzunternehmen haben frühere Art. 9 Produkte in Art. 8 Fonds umklassifiziert, um alle notwendigen Berichts- und Offenlegungspflichten zu umgehen.

Da nachhaltiges Investieren weiter zunimmt, ist mit einer stärkeren Regulierung in diesem Bereich zu rechnen, die sich weiterhin darauf auswirken kann, wie Unternehmen ESG-Investitionen angehen und welche Aussagen sie zu ihren nachhaltigen Aktivitäten machen.

2. Die Zukunft sichern: vom Versprechen zum Handeln

Während die Welt an der Energiewende arbeitet, ist die Sicherheit der Energieversorgung in den Vordergrund gerückt. Und nicht nur der Klimawandel hat diese Umstellung vorangetrieben. Der sich in die Länge ziehende Krieg in der Ukraine hat den Ländern zusätzliche Anreize geboten, ihre eigene Energiewende zu beschleunigen, um die Versorgung ihres nationalen Energiebedarfs zu gewährleisten. Große Länder wie die USA, die EU, Japan, Südkorea, Indien und China haben sich in beispielloser Weise verpflichtet, auf erneuerbare Energiequellen umzusteigen und die Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Viele haben ihre Unterstützung für die Net-Zero-Bemühungen zugesichert. Bis heute sind von diesen Verpflichtungen 80 % der Weltbevölkerung und 91 % des globalen BIP betroffen. Aber es sind nicht nur die Netto-Null-Verpflichtungen, die die Zukunft der Nachhaltigkeit prägen.

Allein in den Vereinigten Staaten werden 370 Milliarden USD für energie- und klimabezogene Initiativen ausgegeben. Auch das Fit for 55-Programm und Repower EU zielen darauf ab, die Menge der in der EU genutzten erneuerbaren Energien bis 2030 durch verstärkte Projekte und Energieeffizienzmaßnahmen zu verdoppeln. Damit eröffnet sich eine große Anzahl von Anlagemöglichkeiten.

Doch selbst beim ehrgeizigsten Szenario, dem Erreichen von Netto-Null-Emissionen, ist das Ziel, den globalen Temperaturanstieg auf unter 2°C zu begrenzen, nicht garantiert. Damit dieses ambitionierte Szenario Wirklichkeit werden kann, sind erhebliche Finanzmittel notwendig. Schätzungen gehen von bis zu 4 Billionen USD bis 2030 aus.

Es ist unbestritten, dass die Prioritäten in den Bereichen Wirtschaft, Klima und Sicherheit dringend aufeinander abgestimmt werden müssen. Eine hervorragende Gelegenheit für Fortschritte in diesem Bereich war der jüngste COP27-Gipfel. Leider fiel das Ergebnis aber enttäuschend aus.

3. China und der globale Übergang zur Nachhaltigkeit

Von Engpässen bei wichtigen Rohstoffen über geopolitische Spannungen bis hin zu fragmentierten Lieferketten – der Weg zu sauberer Energie ist voller Hindernisse.

Auf diesem Weg scheint China unumgänglich zu sein. In der Tat dominiert China derzeit den Übergang zu sauberer Energie, insbesondere im Bereich der Solarpanel-Technologie. Diese Führungsrolle bringt jedoch auch eine Reihe von Herausforderungen mit sich, darunter auch fragwürdige Menschenrechtsprobleme.

Der Übergang sollte nicht einfach ein Kompromiss sein, bei dem wir uns, zum Nachteil der „S“- (sozial) und „G“- (Unternehmensführung)Faktoren, vorübergehend auf das „E“ (ökologisch) von ESG konzentrieren. Eine nachhaltige Transformation mit Fokus auf ESG sollte sicherstellen, dass alle drei Elemente gleichermaßen berücksichtigt werden. Durch aktive Zusammenarbeit mit Unternehmen und Staaten und durch die Nutzung ihres Fachwissens können Finanzunternehmen eine wichtige Rolle dabei spielen, wichtige Unternehmen auf ihrem ESG-Weg zu begleiten.

4. Soziale Verantwortung: das hässliche Entlein

Das „S“ in ESG – d. h. das Prinzip der sozialen Konzession – wird oft als das hässliche Entlein der Gruppe betrachtet. Aber täuschen Sie sich nicht, es ist genauso wichtig wie seine Pendants aus den Bereichen Umwelt und Unternehmensführung. Es steht sogar in direktem Zusammenhang mit Umweltfragen, denn die Luftverschmutzung ist weltweit die Todesursache Nummer eins. Außerdem hat der Klimawandel tiefgreifende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und führt zu steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen. Letztere üben Druck auf die Arbeitsbedingungen und Löhne aus. Dies wiederum erhöht das Risiko einer Rezession und könnte schwerwiegende Folgen für den Arbeitsmarkt haben.

Dieses komplexe Phänomen muss auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels gesehen werden. Die Babyboomer (ein Drittel der weltweiten Erwerbsbevölkerung) gehen in den Ruhestand. Sie verlassen den Arbeitsmarkt schneller, als sie durch jüngere Generationen ersetzt werden. Dieses Problem erfordert eine umfassende Lösung für den Mangel an Fachwissen und Erfahrung, und wir könnten gut daran tun, uns vom skandinavischen Modell inspirieren zu lassen, das eher generationenübergreifend ausgerichtet ist.

5. Kapitalallokation und die Kosten von netto Null

Es ist ganz klar, ein Übergang zu Netto-Null-Emissionen ist für bestimmte Sektoren und Aktivitäten mit Kosten verbunden. Als Folge der Klimaschutzmaßnahmen stellen wir eine Verschiebung der Kapitalallokation fest.

Nichtsdestotrotz unterstützen Investitionen in Umweltthemen, aber auch im weiteren Sinne in ESG-Produkte, weiterhin den Trend zur Nachhaltigkeit.

Ebenfalls ein aktuelles Thema ist die vermeintliche Underperformance von ESG-Aktien im Jahr 2022. Dies spiegelt nicht unbedingt die Lebensfähigkeit des ESG-Marktes wider, sondern ist eher eine Frage der Sektorallokation in Kombination mit ESG-Prämien und dem realen Renditeanstieg.

Es ist klar, dass „grüne/nachhaltige“ Emittenten mit einem Aufschlag gehandelt werden, wobei einige einen Preisanstieg von 40 % verzeichnen. Auch der Einsatz von Anleihen mit Gütesiegeln nimmt zu, obwohl dies mit einer Reihe von Herausforderungen verbunden ist, darunter die Notwendigkeit, Greenwashing zu vermeiden. Wir sind dennoch überzeugt, dass es für diejenigen, die bereit sind zu suchen, noch viele Möglichkeiten gibt.

Autorin:
Ophélie Mortier, Chief Sustainable Investment Officer bei DPAM
 

Anlageprodukte:

DPAM B Equities World Sustainable (BE6246068447 / BE0058651630)

Degroof Petercam AM (DPAM) ist eine in den Beneluxländern führende unabhängige Asset Management-Gesellschaft mit langjähriger Marktreputation in Long Only-Anlagekonzepten sowie spezialisierten Asset Management-Lösungen.

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