Die Rally an den globalen Aktienmärkten hat zum Jahresende spürbar nachgelassen. Folgt 2022 die große Korrektur?

Gewinnwachstum und Aktienmarktrenditen haben sich in den beiden Pandemie-Jahren 2020 und 2021 stark erholt. In den vergangenen Monaten nahm die Dynamik wieder merklich ab. Dieser Rückgang wird sich im neuen Jahr fortsetzen. Die Frage ist, ob Aktien eine harte oder weiche Landung erleben. Aktuell scheint letzteres wahrscheinlicher. Doch die Liste der Risiken ist lang. In diesem Umfeld empfiehlt sich ein Fokus auf Qualitätsunternehmen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Zum Jahreswechsel gibt es zahlreiche Unwägbarkeiten, die eine Korrektur auslösen könnten. Doch nicht alle Risiken sind struktureller Natur und bleiben dauerhaft erhalten.
  • Die Zinssätze dürften im Jahr 2022 weltweit ansteigen. Das muss aber kein Problem für die globalen Aktienmärkte sein, solange die realen Renditen niedrig bleiben.
  • Vorsicht ist geboten bei hochbewerteten Märkten, die stark vom Wachstum abhängig sind. Chancen eröffnen sich in den Schwellenländern.

Der Wirbelsturm, der in den Jahren 2020 und 2021 einmal quer über die globale Wirtschaft gefegt ist, hat praktisch seinen eigenen Zyklus geschaffen: Den traditionellen Konjunkturverlauf aus Aufschwung, Höhepunkt, Abschwung und Baisse ergänzt nun eine sehr kurze und intensive Phase der Wiedereröffnung. Sie ist üblicherweise mit Gegenwind verbunden. Nach dem kräftigen Aufschwung, ausgelöst durch das Ende der Pandemie-Beschränkungen, folgt stets eine Verlangsamung des Wachstums. Diese Phase ist erreicht und dürfte sich 2022 fortsetzen. Wir sind aber überzeugt, dass die Wahrscheinlichkeit für eine weiche Landung höher ist als für einen harten Aufschlag.

Heikler Balanceakt

Zu den größten Risiken zählen aktuell das sich verlangsamende Gewinnwachstum, die anziehende Inflation und steigende Zinsen. Unterbrochene Lieferketten, die hohe Verschuldung sowie der regulatorische Sturm in China kommen dazu. Einige dieser Unwägbarkeiten sind temporärer Natur, während andere strukturellen Gegenwind über längere Zeit erzeugen könnten. So dürfte beispielsweise die starke Nachfrage nach manchen Waren und Dienstleistungen wieder abflauen, wenn der Konsum nachgeholt ist. Auch viele Engpässe in den Lieferketten dürften sich im Laufe der Zeit wieder auflösen.

Die steigenden Löhne sowie die Klimapolitik könnten sich dagegen als anhaltende Inflationstreiber erweisen. Auch Covid-19 entwickelt sich zur hartnäckigen Wachstumsbremse. Mittels der Impfstoffe ist es zwar gelungen, die Korrelation zwischen der Zahl der Infizierten und der Zahl der Hospitalisierungen zu verringern. Wenn es aber darum geht, den Anstieg der Fallzahlen gänzlich zu stoppen, hält sich die Wirkung in Grenzen. Kurzum: Das Virus ist gekommen, um zu bleiben.

Das Zurückfahren der ultralockeren Geldpolitik wird für die meisten Zentralbanken, einschließlich der US-Notenbank Federal Reserve, zum heiklen Balanceakt. Steigen die Preise weiter, werden sich Investoren zwangsläufig fragen, wie lang die Fed an ihrem flexiblen Inflationsziel festhalten kann. Wir gehen davon aus, dass die Zinssätze im Jahr 2022 weltweit steigen. Das sollte für die globalen Aktienmärkte aber kein allzu großes Problem sein – jedenfalls nicht, solange wir uns weiterhin in einer Welt historisch niedriger oder gar negativer realer Renditen und Zinssätze bewegen.

Ein weitaus größeres Risiko für die Aktienmärkte sind die hohen Bewertungen. Sie liegen gleich in mehrerer Hinsicht am oberen Ende des Spektrums, was in einer Korrektur münden könnte. Aktuell konzentriert sich der Markt größtenteils auf eine kleine Gruppe von Titeln. Sollte sich die Stimmung eintrüben, könnte die Folge eine Rotation zu Lasten der momentan favorisierten Mega-Caps sein.

Feuerprobe für Nachhaltigkeit

Investoren sollten auch China im Auge behalten. Das Reich der Mitte ist nicht nur ein großer Markt, es gibt auch weltweit den Takt vor. China war die erste Volkswirtschaft, die von der Pandemie getroffen wurde, und danach die erste, die Ermüdungserscheinungen bei den Gewinnen verzeichnete. Die Entwicklungen in der Volksrepublik könnten wertvolle Hinweis darauf geben, was den westlichen Märkten in den nächsten Monaten bevorsteht.

Das neue Jahr wird auch die Nachhaltigkeitsbestrebungen des Marktes auf den Prüfstand stellen. Erstens können hohe Rohstoffpreise Unternehmen ausbremsen, die ihre Nachhaltigkeitsstrategie auch im Preishoch konsequent weiterverfolgen. Zweitens ist die Versuchung groß, bei Nachhaltigkeitsfragen Kompromisse einzugehen, um als Investor von den hohen Energiepreisen zu profitieren. Dabei dürften auf Dauer die Anleger im Vorteil sein, die sich für grüne Energieversorger entscheiden beziehungsweise für Aktien von Unternehmen, die ihre Energieversorgung am ehesten klimaneutral aufstellen können. Mit ihrem Engagement fördern sie schließlich positives Verhalten der Unternehmen und vermeiden gleichzeitig Klumpenrisiken in den Portfolios.

Fazit

Eine sanfte Landung ist das wahrscheinlichste Szenario für Aktien im Jahr 2022. Dennoch halten wir es angesichts des Aufeinandertreffens mehrerer Risiken für klug, Portfolios robuster aufzustellen. Heißt: Schwerpunkt auf Qualität und ein ausgewähltes Engagement in China.

Die Angst vor Enttäuschungen ist größer als üblich. Deshalb meiden wir Regionen, die zu hohe Bewertungen aufweisen und stark von Wachstumstiteln abhängig sind. Bei Substanztiteln gehen wir selektiv vor und bevorzugen zyklische und Industriewerte. Bei Bank-Aktien bleiben wir vorsichtig, ebenso bei teuer bewerteten Sektoren wie High-Tech und Softwareentwicklung. Stattdessen bevorzugen wir IT-Unternehmen aus Schwellenländern. Dort eröffnen sich nach den Marktkorrekturen im Jahr 2021 einige Chancen zum günstigen Einstieg.

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