Die Bank für internationale Zusammenarbeit (BIZ) ließ aufhorchen: Enthielt ihr letzter Quartalsbericht die Warnung vor einer Blase bei ESG-Investments? Eine Detailbetrachtung gibt ein differenziertes Bild – und Hinweise für die nachhaltige Beratung.

Es ist nur ein kurzer Einschub von eineinhalb Seiten in einem über 80 Seiten umfassenden Quartalsbericht, den die BIZ im September veröffentlichte. Doch der sorgte für Aufsehen. Die Autoren warnten darin vor einer möglichen Blase bei ESG-Investments, so konnte man zumindest in vielen Medien lesen. Und sie stellten dabei den Vergleich mit der Immobilienblase in den USA 2008 an – immerhin Auslöserin der globalen Finanzkrise.

Nun sollte man sich vor Augen halten, was der Auftrag der BIZ ist. Die Bank mit Sitz in Basel gilt als „Zentralbank der Zentralbanken“ und eines ihrer wichtigsten Arbeitsgebiete ist es, Risiken für die Finanzmarktstabilität zu identifizieren. Insofern beobachten ihre Experten die Märkte und insbesondere das Aufkommen neuer Kategorien von Finanzprodukten und ihrer möglichen Auswirkungen auf die Stabilität des globalen Finanzsystems.

Nachhaltige Aktienanlagen: gerade einmal 3% der Assets in Fonds

Bei Nachhaltigkeitsfonds schaut die BIZ derzeit genauer hin. Die Autoren stellen fest, dass je nach Definition ESG-Assets in Fonds im Fünfjahreszeitraum von 2016 bis 2020 um mehr als ein Drittel gestiegen seien. Bei explizit ausgewiesenen ESG- und SRI-Fonds habe sich das Anlagevolumen im selben Zeitraum sogar mehr als verzehnfacht.1

Dieser steile Anstieg an Assets in einer Finanzproduktkategorie löst bei der BIZ eine Art Frühwarnsystem aus. In Hinsicht auf den steilen Anstieg wird auch der Vergleich zum sprunghaft steigenden Volumen an Mortgage-backed Securities in den Jahren vor 2008 herangezogen, dem damaligen Kern des Übertragungsmechanismus einer US-Immobilienblase auf das globale Banken- und Finanzsystem.

Doch danach – so auch die Autoren – ist erst einmal Schluss mit den Parallelen. Das Volumen an ESG-Assets insgesamt ist anteilig noch gering. Ganze 3% der Aktienwerte in Fonds oder ETFs weltweit lagen nach den Berechnungen der BIZ in nachhaltigen Fondsprodukten und Mandaten im engeren Sinne. Bei Anleihen waren es demnach Ende 2020 weniger als 1%. Besonders letzteres sorgt bei den BIZ-Volkswirten wieder für Entspannung. Denn mögliche temporäre Übertreibungen am Aktienmarkt interessieren unter dem Gesichtspunkt der Finanzmarktstabilität allenfalls am Rande. Anleihen haben zum Beispiel auf Banken das viel höhere „Ansteckungspotenzial“.

Was am Ende bleibt, ist die Aussage, dass die Bewertungen von Titeln im nachhaltigen Energiesektor (S&P Global Clean Energy Index) im Jahr 2020 nach oben geschossen sei und nun langsam wieder in den Bereich der – ebenfalls historisch hoch bewerten US-Aktien (S&P 500 Index) – zurückkomme.1

Höhere Bewertungen in einzelnen Sektoren: 
kein generelles Problem für Nachhaltigkeitsanlagen

Die Hinweise aus dem Quartalsbericht der BIZ liefern unter dem Strich damit das erwartbare und zum Teil sogar gewünschte Bild: Es fließt mehr Kapital in nachhaltige Anlagen – das ist erforderlich und wird von politischer Seite unterstützt. In einzelnen „dunkelgrünen“ Sektoren haben die Bewertungen deutlich angezogen. Das spricht dafür, in Branchen wie etwa grüner Energie, Titel zur Kapitalanlage heute sorgfältig aktiv auszuwählen. Denn höhere Bewertungen können im Einzelfall durchaus berechtigt sein. Zum Beispiel dann, wenn ein Unternehmen in der Umbausituation der Wirtschaft in Richtung CO2-Neutralität ein entscheidendes Angebot macht, das nachhaltiges und steiles Wachstum von Umsatz und Gewinnen erwarten lässt.

ESG-Investments: auf die Transformationskapazität kommt es an

Der Verweis der BIZ auf eine mögliche Überhitzung des Aktienmarktes in einigen engen Sektoren darf aber auch als genereller Hinweis für Anleger verstanden werden: Kluges ESG-Investieren bedeutet nicht, blindlinks immer mehr Kapital in wenige Windpark-, Solar- oder Wasserkraftanbieter zu pumpen. Auch die nachhaltige Anlage braucht diversifizierte Portfolios – und das geografisch und sektorbezogen.

Dass dies mit der Aufgabe einhergeht, unsere Wirtschaft in wenigen Jahren auf Kurs Netto-Null-CO2-Ausstoss zu bringen, machen Experten immer wieder deutlich. Zum Beispiel im 2021 vorgelegten Bericht des Sustainable-Finance-Beirats der Bundesregierung mit seinen 31 Empfehlungen. Er unterstreicht, dass die globale Industrie im großen Stil und in kurzer Zeit in Richtung CO2-Neutralität umgestaltet werden muss, um die dringenden Klimaziele zu erreichen. „Massive Investitionen sind nötig, um Produktionsweisen und Geschäftsmodelle zukunftsfähig zu machen“, schreibt der Beirat im Bericht mit dem Namen „Shifting the Trillions – Ein nachhaltiges Finanzsystem für die Große Transformation“.

Es wird in den nächsten Jahrzehnten darum gehen, die gesamte Wirtschaft in allen Sektoren zu mehr Klimafreundlichkeit zu transformieren und insgesamt nachhaltiger zu gestalten. Nimmt ein Unternehmen hierbei eine Vorreiterrolle ein und leistet es Beiträge zum Umbau? Oder hält es an überkommenen Geschäftsmodellen fest und geht so erhöhte Risiken für die künftige Geschäftsentwicklung ein? Das sind Fragen, die sich Anleger bzw. Portfoliomanager zu stellen haben. Chancen können dabei Unternehmen aus den unterschiedlichsten Wirtschaftsbereichen eröffnen. Das ist eine gute Ausgangsbasis für ein nachhaltiges und dabei doch grundlegend diversifiziertes Portfolio.

Die Hintergründe dazu schildert auch Matthias Kopp, Leiter des Bereichs Sustainable Finance im WWF Deutschland, in einem spannenden aktuellen Interview, das im Magazin FFB Fondsgespräche Ende Oktober erscheint (dann auch im Formularshop im FFB Frontend abrufbar).

Seine zentrale Aussage für Anleger und ihre Berater lautet: „Die Frage ist: Hat das, was ich im Portfolio habe, eine Transformationskapazität und -fähigkeit?“

Wer als Berater sein eigenes Verständnis von Transformation und ihrer Bedeutung für nachhaltiges Investieren schärfen will, findet in den Tipps von Matthias Kopp zu Studien und Tools ausgezeichnete Einstiegsmöglichkeiten. Wir haben diese für Sie zum einfachen Download zusammengesellt.

1 BIS Quarterly Review, Seite 4, September 2021

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