EU-Kommission drückt aufs Tempo: Welche Produkte können ab August 2022 noch als nachhaltig vertrieben werden? Die Klassifizierung nach Art. 8 und 9 der SFDR greift zu kurz – und doch dürfte sich Beratung auf sie verlassen können.

Seit 10. März dieses Jahres regelt die Offenlegungsverordnung (SFDR), welche Fondsprodukte nach Artikel 8 und 9 eingestuft werden. Fonds nach Artikel 8 gelten seither als nachhaltig, weil sie ESG-Kriterien im Anlageprozess berücksichtigen, Artikel-9-Fonds sollen als „Impact-Fonds“ konzeptionell auch konkrete Nachhaltigkeitsziele anstreben und künftig entsprechende Wirkungen dokumentieren. Das Verbändekonzept, das der Fondsverband BVI, der Deutsche Derivate Verband (DDV) und der Bankendachverband Deutsche Kreditwirtschaft (DK) Anfang 2021 erarbeitet haben, stellt über Artikel 8 der SFDR hinausgehende qualitative Anforderungen an Fonds, die als nachhaltig gelten dürfen.

EU-Kommission: Vorschlag zu MiFID-II-Ergänzung sorgt für Diskussionen

Die Freude über diese „Klärung“ währte aber nur kurz: Denn seit Mitte April 2021 lagen die Vorschläge der EU-Kommission zur Delegierten Verordnung (DelVO) auf dem Tisch, die als Ergänzung zu MiFID II die verpflichtende Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen von Anlegern konkret regeln soll. Am 2. August 2021 drückte die EU-Kommission für viele überraschend aufs Tempo und veröffentlichte diese Verordnung im Amtsblatt, wodurch sie ein Jahr später wirksam wird. Ab August 2022 müssen Fonds danach konkrete weitere Eigenschaften erfüllen, um nach der Abfrage bei Anlegern noch als nachhaltig zu gelten. Der Nachhaltigkeitsbegriff und welche Fonds als nachhaltig gelten, wird dadurch de facto neu definiert. Die Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen wird ab dann Grundlage für die verpflichtende Prüfung der Geeignetheit einer Produktempfehlung sein. Bis hierzu rechtssichere Ergänzungen zu den WpHG-Fragebögen entwickelt sind, werden noch einige Monate vergehen. Doch die folgenden Überlegungen weisen den Weg für die Übergangszeit.

Was ist der Kern der ab August 2022 anzuwendenden Verordnung? Was soll Beratung danach an Präferenzen abfragen?

Strengere Anforderungen bei der Nachhaltigkeitsabfrage

Während bei der Offenlegungsverordnung kein besonders hohes „Ambitionsniveau“ von Artikel-8-Fonds verlangt wurde, sollen nun nach der EU-Kommission viel strengere Anforderungen an Nachhaltigkeit im Beratungsgespräch abgefragt werden. Gemäß der Ergänzung zu MiFID II sollen Kunden immer konkrete Wirkungen von Fondsprodukten im Sinne der Nachhaltigkeit fordern dürfen. Die EU denkt hierbei natürlich in erster Linie an die eigenen Ziele bezüglich Klimawandel und Klimawandelfolgen.

Nachhaltigkeit im Vertrieb: Kundenpräferenzen abfragen (Grafik als Download verfügbar)

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Quelle: BVI, Juli 2021. Schematische Darstellung gem. Vorschlag der EU-Kommission zur Delegierten Verordnung als Ergänzung zu MiFID II.

Konkret wird daher künftig ein „Nachhaltigkeitsfonds“ wenigstens eine von drei Nachhaltigkeitswirkungen nachweisen müssen.

1. Positiver Beitrag zur Taxonomie: Hier soll der Kunde einen Mindestanteil an Investitionen auf Fonds- bzw. Portfolioebene festlegen, die Taxonomie-konform sind. Die große Herausforderung für die Beratung ist dabei, die Erwartungen der Kunden zu moderieren. Denn es werden von der Taxonomie-Verordnung, die noch in der Entwicklung ist, noch gar nicht viele Geschäftstätigkeiten von Unternehmen erfasst – hauptsächlich nur solche, die sich auf die zwei Umweltziele der Begrenzung des Klimawandels und der Anpassung an dessen Folgen beziehen. Daher können viele Unternehmen von der Art ihrer Geschäftstätigkeit her gar nicht wesentlich zu diesen Taxonomie-Zielen beitragen und überhaupt im Sinne der Taxonomie erfasst werden. Die Folge: (Fonds-) Portfolios mit Taxonomie-Anteilen von mehr als 80 oder 90 oder gar 100 Prozent, die Anleger erst einmal erwarten würden, sind illusorisch oder würden aus Diversifikationssicht zu einem viel zu engen Branchenfokus führen. Hier dürfte viel Aufklärungsarbeit erforderlich sein.

2. Positiver Beitrag zu ökologischen oder sozialen Zielen: Nach Artikel 2, Nr. 17 der SFDR sollen jenseits der Taxonomie vor allem auch Investitionen als nachhaltig gelten, die dazu beitragen, Umwelt- oder soziale Ziele zu erreichen und dabei Governance-Verstöße vermeiden. Anleger sollen von einem Anlageprodukt auch einen gewissen Anteil solcher Investitionen erwarten können, wenn es als nachhaltig deklariert ist.

3. Reduzierung nachteiliger Wirkungen (PAI): Kunden können definieren, inwieweit Investitionen in Unternehmen bei der nachhaltigen Anlage berücksichtigt werden sollen, die daran arbeiten, die nachteiligen Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit (Principle Adverse Impacts) auf Nachhaltigkeitsziele zu reduzieren. Auch diese Investments können dann als nachhaltig gelten.

Weitere Klärung: Viel Arbeit voraus

Im Spannungsfeld dieser Verordnung zur Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen und dem bereits heute in weiten Teilen der Anlageberatung in den Geschäftsbanken angewendeten Verbändekonzepts wird von Politik, Fondsgesellschaften und Verbänden an Lösungen gearbeitet. Welche Überlegungen dabei angestellt werden, erläutert Dr. Magdalena Kuper vom BVI in Video zum ESG-Regulierungsfahrplan

Pragmatische Analyse: Warum Artikel 8 und 9 der SFDR sowie das Verbändekonzept dennoch gute Leitlinien bieten

Obwohl der Nachhaltigkeitsbegriff für Fonds also bis zum Inkrafttreten der Vorgaben der Delegierten Verordnung in einem Jahr noch „in der Schwebe" ist, können Berater dennoch heute schon nachhaltig beraten. Kundenportfolios bereits jetzt auf mehr Nachhaltigkeit umzustellen, ist Teil einer aktiven Risikovorsorge und kann Anlegern auch Renditechancen eröffnen, die aus der Lenkung des Kapitals in nachhaltige Investments resultieren. Und die Klassifikation nach Artikel 8 und 9 der SFDR bzw. die Nachhaltigkeitseinstufung nach dem Verbändekonzept können dabei tatsächlich schon heute verlässliche Leitlinien bieten – obwohl sie heute zum Teil faktisch den kommenden strengeren Anforderungen noch nicht entsprechen.

Der Grund dafür liegt auf der Hand und bietet die Basis für ein pragmatisches Handeln in der Beratung: Die Fondsanbieter haben mit der Klassifikation von Fonds nach Artikel 8 oder 9 deutlich gemacht, dass sie diese Produkte als nachhaltige Fondslösungen zum Vertrieb anbieten wollen. Es ist abzusehen, dass die Fondsgesellschaften alles daransetzen werden, ihre Vertriebspartner und letztlich die Anlagekunden nicht zu enttäuschen. Eine Enttäuschung wäre aber programmiert, wenn Fonds, die als nachhaltig erworben wurden, plötzlich nicht mehr als nachhaltig gelten. Deshalb steht zu erwarten, dass es in der Art und Weise, wie ESG-Kriterien im Anlageprozess der Fonds berücksichtigt werden, zu Anpassungen kommen wird – damit die Fonds den Anforderungen an Nachhaltigkeit auch künftig genügen.

Tendenziell sind die Richtungen auch schon absehbar. Artikel-9-Fonds zielen schon heute auf einen bestimmten Nachhaltigkeits-Impact ab. Sie sollten sich im Sinne der „nachhaltigen Investments“ gem. Artikel 2, Nr. 17 der SFDR qualifizieren lassen. Für viele der Artikel-8-Fonds, die auf Best-in-Class-Ansätze oder auch auf die Veränderungsdynamik einzelner Unternehmen im Sinne einer nachhaltigen Transformation der Wirtschaftstätigkeit setzen, zeichnet sich ein anderer Weg ab. Sie könnten sich zum Beispiel nachvollziehbar auf die Reduzierung der nachteiligen Auswirkungen beziehen – eine wichtige Dimension der gewünschten Transformation – und so weiter als nachhaltig gelten. Aus pragmatischer Sicht ist jedenfalls zu erwarten, dass Berater, die heute „nachhaltige Fonds“ verkaufen mit genau diesen Produkten auch in Zukunft auf der nachhaltigen Spur bleiben – eben weil es im Produktmantel zu den notwendigen Anpassungen und Feinjustierungen der Anlagestrategien und Anlageprozesse kommen wird.

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