Ein grüner Wirtschaftsminister auf fossiler Shoppingtour, Rekordgewinne bei Ölproduzenten und Investoren, die auf diese setzen: Wird Nachhaltigkeit zur Nebensache angesichts der Wucht des Ukraine-Krieges? Die langfristigen Zeichen stehen anders.

Um das klarzustellen: Die Kriegsopfer, die uns alle am meisten betroffen machen und unser Mitgefühl verdienen, sterben an den Fronten und auf den Straßen in der Ukraine. Das ist ganz sicher das hässlichste Gesicht dieser Katastrophe. Es drängt sich aber auch die Frage auf, welche nachgelagerten Folgen dieser Krieg in wirtschaftlicher Hinsicht hat. Und hier könnte bei vielen Anlegern der Eindruck entstehen, dass nachhaltiges Investieren gerade unter ökologischen und Klimaschutzaspekten einen Rückschlag durch den Krieg erleidet. Dabei gilt doch gerade – auch gefordert und gestützt von den regulatorischen Vorgaben der EU – die Begrenzung des Klimawandels und damit der ökologische Aspekt von ESG als äußerst gewichtiger Treiber für nachhaltige Investments.

Aktuell: Gute Geschäfte mit Öl und Gas

Der Eindruck, Nachhaltigkeit würde zur Nebensache, kommt nicht von ungefähr. Allein der Blick auf die Entwicklung der Öl- und Gaspreise lässt unschwer erahnen, welche Unternehmen zu den „Gewinnern“ des Krieges gehören.

Ölpreise: Anstieg spült Geld in die Kassen von Lieferanten

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Statista Research Department, 07.04.2022 (Quellen: Deutsche Börse, OPEC • OPEC-Öle: Durchschnittlicher Tagespreis durch OPEC, Brent und WTI: Preis nach Schließung des Börsenhandelstags).

Durchschnittlicher Preis für Erdgas (Europa, April 2015 bis Marz 2022)

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Quellen: World Bank; Bloomberg; Energy Intelligence, April 2022

Was angesichts der Preisentwicklung am Energiemarkt zu erwarten war, sind herausragende Gewinne bei Unternehmen der Öl- und Gasindustrie. Saudi Aramco, nach Umsätzen der größte Öl- und Gaskonzern außerhalb Chinas1, hatte bereits im Geschäftsjahr 2021 seine Gewinne gegenüber dem Vorjahr verdoppelt.2 2022 dürfte ein noch besseres Jahr werden. Dies nutzen auch Großinvestoren, die zumindest mit Absicht kurzfristiger, also taktischer Gewinnabschöpfung durch hohen Kapitaleinsatz von der Entwicklung profitieren. Ein prominentes Beispiel liefert wieder einmal Warren Buffet. Er hatte bereits im vierten Quartal 2021 die Anteile an seinem Lieblingsölkonzern Chevron um 33% erhöht. Auch dieser Ölkonzern dreht 2021 nach Verlusten im Vorjahr wieder in die Gewinnzone und der Kurswert der Aktie legte bereits bis Mitte Februar seit Jahresbeginn um 16% zu.3

Politischer Sinneswandel?

Deutschland wundert sich: Ein grüner Wirtschaftsminister spricht mit dem unter sozialen und Governance-Aspekten zweifelhaften Regime in Katar, um dort Erdgas – also einen fossilen Brennstoff – einzukaufen? Man strebe eine „langfristige Energiepartnerschaft mit Katar an“ ließ Robert Habeck verlauten. Katar gilt als eine der ersten Adressen für den Kauf verflüssigten Erdgases (LNG) und kommt als Ansprechpartner ins Spiel, um die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.4

Und Mecklenburg-Vorpommern – bis vor kurzem noch stark für die Pipeline Nord Stream 2 engagiert – will weiter als Standort für fossile Energieinfrastruktur dabei sein. Schwimmende Terminals in der Ostsee sollen noch in diesem Jahr eine schnelle Möglichkeit bieten, LNG-Tanker zu entladen.5 Praktischerweise bestehen ja gute Pipelineverbindungen zu den verarbeitenden Unternehmen.

Langfristig grünes Licht für „Freiheitsenergie“

Doch Anleger tun gut daran, diese schnelle Umtriebigkeit der deutschen Regierung so zu bewerten, wie sie auch kommuniziert wird: Als Notfallmaßnahme zur Vorbeugung von akuten Energieengpässen und zur Verminderung des Energiebezugs aus Russland. Mittel- und langfristig sind die Weichen anders gestellt. Das machte auch aktuell Wirtschaftsminister Habeck mit seinem „Osterpaket“ deutlich. Es soll als Turbo für den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland dienen, dem nun doppelte Dringlichkeit zukomme: aus Klimaschutz- und Unabhängigkeitsgründen. Der Gesetzesentwurf legt fest, dass „die Nutzung von erneuerbaren Energien im überragenden öffentlichen Interesse liegt und der öffentlichen Sicherheit dient".6 Wenn das im Gesetz steht, hat das Gewicht. Denn es stellt die Weichen jeder Schutzgüterabwägung bei künftigen Energieprojekten. Seien es Windparks, Solaranlagen oder Stromtrassen. Die Ampel für solche Projekte steht dann auf Grün. Bislang langwierige Genehmigungsverfahren dürften maßgeblich beschleunigt werden. Zwar ist das Paket auch unter den Koalitionären noch nicht final abgestimmt. Doch werden kaum wesentliche Änderungen erwartet. Auch die FDP – lange keine glühende Verfechterin der nachhaltigen Energiegewinnung – hat diese unter dem von Parteichef Lindner geprägten Begriff der „Freiheitsenergie“ für sich entdeckt.7 Schließlich gelte es die Abhängigkeit des Produktionsstandortes Deutschland von externen Energielieferanten zu verringern.

Die Auswirkungen dieser langfristigen Weichenstellung gerade für Anleger sind kaum zu überschätzen. In der Vergangenheit zählten oft langwierige oder im Ausgang ungewisse Genehmigungsverfahren für Energieinfrastrukturprojekte zu den größten Investitionshemmnissen.

Europaweit: Beschleunigung bei alternativen Energien

Beschleunigung beim Ausbau erneuerbarer Energien, Vereinfachung von Genehmigungsverfahren: Das ist kein deutscher Sonderweg. Die Regierungen aller großen Wirtschaftsnationen Europas äußern sich ähnlich. Frankreich hat zwar schon immer ein weniger kritisches Verhältnis zur Atomenergie. Aber auch hier will die Regierung zusätzlich zur Atomenergie als zweites Standbein erneuerbare Energien stark ausbauen. So sollen insbesondere die Solarenergiekapazitäten versechsfacht und die Offshore-Windenergienutzung verfünffacht werden, um die Klimaziele 2050 zu erreichen.8 Die Richtung der Entwicklung in der Grande Nation ist damit klar vorgezeichnet (sofern nicht Marine Le Pen unerwartet noch das Rennen im Präsidentschaftswahlkampf macht. Sie ist erklärte Windkraftgegnerin.9)

Großbritannien folgt einer ähnlichen Strategie. Neben dem Ausbau der Atomkraft (mit ungeklärter Endlagerfrage) sollen auch hier vor allem Windparks ausgebaut werden. Schon bis 2030 sollen 95% der Erzeugung elektrischer Energie „low carbon“ sein.10 Und auch in Italien sollen nach den Worten von Präsident Mario Draghi die Bedingungen für die Genehmigung von Projekten zur alternativen Energiegewinnung deutlich erleichtert werden. „In diesem Bereich müssen wir wirklich einen Schritt nach vorne machen. Wir müssen die Genehmigungen, die derzeit die Installation neuer Energiequellen verhindern, sehr, sehr schnell ermöglichen.“11

Anlegerfazit: Langfristig mit Nachhaltigkeit auf gutem Pfad

Für Anleger bedeutet das: Selbst, wenn große institutionelle Anleger mit viel Kapital auch Gelegenheiten aus deutlich nicht-nachhaltigen Investitionen temporär nutzen wollen und können, ist die Basis für ein langfristiges nachhaltiges Investieren intakt. Und das ist die Weise, in der private Anleger Nachhaltigkeitsinvestitionen tätigen sollten. Sie erfährt sogar eine größere Dynamik, weil es nun auch um die Emanzipation von bisherigen Energieträgern und Neuordnung der Lieferketten geht. Gerade im Klimaschutzbereich dürfte der Krieg in der Ukraine und die Notwendigkeit, die Abhängigkeit von russischen Energieexporten zu verringern, sogar bereits mittelfristig für neue Anlagechancen sorgen. Genehmigungsverfahren werden europaweit vereinfacht, die größten Investitionshemmnisse abgebaut.

Beim nachhaltigen Investieren können Fondsprodukte, die aktive Strategien einsetzen, übrigens von Vorteil sein. Denn es geht darum, Unternehmen, ganze Industrien und Wirtschaftsräume bei der Transformation aktiv zu begleiten und zu unterstützen. Dabei ist die Kenntnis der einzelnen Unternehmen und ihrer Pläne zur weiteren strategischen Entwicklung von besonderer Bedeutung. Denn der Beitrag zu einer klimaschonenderen Wirtschaftsweise und die damit verbundenen Gewinn- und Kurspotenziale eines Unternehmens lassen sich nicht einfach nach Branchenzugehörigkeit und zurückliegenden Geschäftsergebnissen beurteilen.

Ein interessantes Beispiel zur Illustration hierfür – ohne gleich eine Kaufempfehlung auszusprechen – ist das schon oben erwähnte Unternehmen Saudi Aramco. Denn der Öl- und Gasgigant investiert seine Rekordgewinne verstärkt in neue Technologien: zum Beispiel in CCS, das Abscheiden und Einlagern von Kohlendioxid. Ziel soll hier sein, „grünes Öl“ zu produzieren (Erdöl, bei dessen Einsatz weniger Kohlendioxid emittiert wird, als zuvor abgeschieden und gespeichert wurde). Darüber hinaus will Saudi Aramco die Produktion von „blauem“ Wasserstoff intensivieren. Auch bei den Hütern eines der größten Ölreserven der Welt hat das Umdenken also schon zu einer Veränderung der strategischen Ausrichtung geführt.

Quellen:

1Statista, April 2022 (Umsätze im Jahr 2020)
2Handelsblatt.com, 20.03.s2022
3tagesschau.de, 15.02,2022
4handelsblatt.com, 22.03.2022
5Redaktionsnetzwerk Deutschland, 07.04.2022
6zeit.de, 07.04.2022
7Redaktionsnetzwerk Deutschland, 27.02.2022
8gouvernement.fr, „La nouvelle stratégie énergétique de la France“, 11.02.2022
9lemonde.fr, 28.03.2022
10bbc.com, 7.04.2022
11Italienische Regierung, covierno.it, 07.04.2022

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