Die Börsen waren im zweiten Quartal weltweit auf dem Vormarsch zu teils neuen Höchstständen. Zur gleichen Zeit meldeten die USA und Deutschland bei der Wirtschaftsentwicklung (BIP) einen historischen Einbruch. Wie passt das zusammen? Lesedauer 2 – 3 Min.

Ende Juli wurden die BIP-Zahlen für Deutschland im zweiten Quartal bekannt gegeben: Um 11,7 Prozent ist die deutsche Wirtschaft gegenüber dem Vorjahr eingebrochen – der heftigste Rückgang seit Beginn der vierteljährlichen BIP-Berechnungen 1970.1 „Nicht einmal in den Jahren der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise 2008/2009 hatte es so starke Rückgänge gegeben“, kommentierte das Statistische Bundesamt. In den USA brach das BIP im zweiten Quartal um 9,5 Prozent ein.2 Und die Börsen? Nach den Kursstürzen im Februar und März standen DAX und S&P 500 Ende Juli fast wieder auf Vor-Corona-Niveau.3

Aktienanleger freuten sich – und rieben sich gleichzeitig die Augen: Wie kann das sein? Die schlimmste Rezession seit dem Krieg, und die Aktienkurse gehen durch die Decke? Wer genau hinschaut, erkennt, dass der Börsenboom nur von wenigen Branchen und Titeln getragen ist: Während der Weltbörsenindex MSCI ACWI seit Jahresanfang noch leicht in der Verlustzone liegt, ist der Tech-Branchenindex MSCI ACWI Information Technology um 20,4 Prozent gestiegen (s. Grafik).

Tech-Titel treiben Aktienmarkt (Grafik als Download verfügbar)
MSCI All Country World Index vs. MSCI All Country World IT Index (in USD)

Quelle: Datastream/Refinitv, Total Return ytd, Stand: 31.07.2020

GAFAM: Ein Viertel des S&P 500

Dass nur wenige Top-Performer den Markt nach oben ziehen, verdeutlicht der Blick auf die USA: So ist der Kurs von Amazon seit Jahresanfang um 65 Prozent gestiegen, der von Apple um 50 Prozent, von Microsoft um 25 Prozent, von Facebook um 18 Prozent, nur Alphabet hinkt mit 7 Prozent etwas hinterher.4

Durch ihren rasanten Kursanstieg machen die „GAFAM“ (Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft) mittlerweile fast ein Viertel der Marktkapitalisierung des S&P 500 aus.5 Apple hat bei der Marktkapitalisierung die magische Grenze von mehr als 2 Billionen US-Dollar (liest sich so 2.000.000.000.000!) geknackt6 und stellt dabei das Bruttoinlandsprodukt der meisten Staaten in den Schatten – darunter Brasilien, Kanada und Russland.7

Unter den Auswirkungen der Maßnahmen in der Corona-Krise leiden die große US-Tech-Konzerne nicht – im Gegenteil. Inmitten einer historisch einmaligen Wirtschaftsschrumpfung verdoppelte Amazon im zweiten Quartal den Gewinn gegenüber dem Vorjahresquartal und erzielte den höchsten Gewinn seiner Unternehmensgeschichte.8

Es spricht einiges dafür, dass das Wachstum noch nicht zu Ende ist. Die GAFAM gelten als Motor der globalen Wirtschaftsentwicklung und weltweite Technologieführer. Viele ihrer Geschäftsfelder stehen noch am Anfang der Entwicklung: Online-Handel und -Unterhaltung, Cloud-Dienste, autonomes Fahren, Virtual Reality, Sprachassistenten, Künstliche Intelligenz. Dazu kommt der Netzwerkeffekt: Mit jedem zusätzlichen Nutzer oder Abonnenten wird das Angebot wertvoller.

„Nicht den Kaisern der Online-Wirtschaft beugen“

Doch ist die Kritik an den Marktgiganten zuletzt lauter geworden. Meist geht es um zu viel Macht. Amazon werden aber zum Beispiel auch ausbeuterische Arbeitsbedingungen vorgeworfen, Facebook der zu lasche Umgang mit Daten und Verstößen gegen die Privatsphäre. Im Rahmen der Initiative „Stop Hate For Profit“ haben in diesem Sommer über 1.000 Unternehmen, darunter auch große Marken, angekündigt, vorerst keine Werbung mehr auf Facebook zu schalten. Auch Steuern sind immer wieder Thema.

Im Juli dieses Jahres mussten die Chefs von Amazon, Google, Facebook und Apple vor dem Justizausschuss des US-Repräsentantenhauses Rede und Antwort stehen. Themen waren Marktmacht, Datenschutz, umstrittene Zukäufe, Verbreitung von Falschinformationen, Überwachung und Datenmissbrauch. „Unsere Gründerväter haben sich keinem König gebeugt, und wir sollten uns nicht den Kaisern der Online-Wirtschaft beugen“, formulierte der Vorsitzende des Justizausschusses, der Demokrat David Cicilline, in seiner Eröffnungsrede.9

Boom-Branche: Kein weiter wie gehabt

Staatliche Eingriffe in die Macht der Big-Techs sind wahrscheinlicher geworden. Das US- Justizministeriums bereitet schon eine Kartellklage gegen Google vor.10 In Europa hatte Slack im Juli eine Wettbewerbsbeschwerde gegen Microsoft eingereicht. Sogar eine Aufspaltung ist nicht völlig unrealistisch, dafür gibt es in den USA historische Vorbilder: So wurde der Telefonkonzern AT&T 1982 zerschlagen. In den späten 1990er Jahren stand Microsoft zumindest kurz davor, aufgespalten zu werden. „Die Geduld der US-Abgeordneten schwindet. Einfach werden sie die Giganten zwar nicht zerschlagen können, aber die Zeiten, in denen das Silicon Valley als Wiege einer besseren Welt verklärt wurde, sind endgültig vorbei.“, kommentierte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.11

Selektives Vorgehen wird für Anleger wichtiger

Also doch lieber Finger weg? Nicht unbedingt. Für die Unternehmen selbst könnte es auch von Vorteil sein, wenn es endlich klare Regeln gibt, auf die sie sich einstellen können. Für Anleger muss selbst eine Zerschlagung nicht unbedingt schlecht sein: Die Summe der Einzelteile kann wertvoller sein als das Unternehmen als Ganzes. Dennoch wird Investieren schwieriger. Die regulatorischen Risiken sind für die einzelnen Unternehmen unterschiedlich hoch. Auch die Gefahr, dass sich Nutzer mit Blick auf die Geschäftspraktiken abwenden, ist nicht überall gleich. Der Markt wird sich in den kommenden Jahren ausdifferenzieren. Es gilt also, genau hinzuschauen. Wer aktiv anlegt, könnte angesichts dessen jetzt im Vorteil sein. Aktives Investieren ermöglicht, vielversprechende Newcomer ausfindig zu machen. Und bei den großen Tech-Unternehmen diejenigen zu finden, die in der neuen Welt mit mehr Regeln und kritischeren Nutzern gut zurechtkommen.

Quellen:

1 Destatis, 30.07.2020
Bureau of Economic Analysis, Aug. 2020
Datastream/Refinitv, Total Return, Stand: 31.07.2020
finanzen.net, 18.08.2020
boerse.de, 18.08.2020
Handelsblatt, 20.08.20
Weltbank, 2020
Amazon, Juli 2020
spiegel.de, 30.07.2020
10 FAZ, 29.07.2020
11 FAS, 01.08.2020

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