Seit November 2022 versetzt ChatGPT Interessierte weltweit in helle Aufregung. Das Sprachmodell schreibt Texte und beantwortet Fragen – wie es sonst nur Menschen tun. KI-Phantasien werden neu befeuert: Doch was sind die realen Chancen für Anlegende?

Mehr als eine Million registrierte User in nur 5 Tagen nach Einführung1 und bereits zwei Monate später 100 Millionen! Der Hype um ChatGPT von OpenAI stellt selbst den Start der erfolgreichen Online-Angebote von Instagram und TikTok in den Schatten. Die brauchten 2,5 Jahre bzw. 9 Monate, um die 100-Millionengrenze zu überspringen.2 Nur wenige Monate nach dem Start zählt ChatGPT also weit über 100 Millionen User weltweit. Und die sind vielfach euphorisch: Sie feiern einen Durchbruch in Sachen KI-Anwendung, ein umfassendes Sprachmodell, das Fragen beantwortet oder Vorschläge für wissenschaftliche und Alltagstexte entwickelt, diese in Sekunden bei Bedarf z.B. einfühlsamer oder kürzer schreibt und auch Texte zusammenfasst. Im neuesten Update soll das System sogar Bilder ganz wie ein Mensch interpretieren können.3 Das Erstaunliche daran ist die Schnelligkeit wie auch die Tatsache, dass der Text nicht von einem von einem „echten Menschen“ geschriebenen Text zu unterscheiden ist.

Das ist kein Vergleich zu bekannten Chatbots, die sich schon nach kürzester Zeit durch ungelenke Formulierungen oder frappierende Lücken im Verstehen entlarvten. Weshalb ist ChatGPT so anders?

Was ist ChatGPT?

Wir haben ChatGPT gleich selbst gefragt. Das war die Antwort: „ChatGPT ist ein von OpenAI entwickeltes umfangreiches Sprachmodell, das maschinelle Lerntechniken einsetzt. Mit seiner Hilfe soll menschenähnlicher Text erzeugt werden. Es basiert auf der GPT-Architektur (Generative Pre-training Transformer) und wurde mithilfe eines umfangreichen Datensatzes von Texten aus dem Internet trainiert. Durch dieses Training ist ChatGPT in der Lage, einen kohärenten und grammatikalisch korrekten Text zu erzeugen. ChatGPT kann für spezifische Aufgaben wie Sprachübersetzung, Textzusammenfassung, Beantwortung von Fragen und vieles mehr eingesetzt werden. Es ist auch in verschiedenen Anwendungen einsetzbar wie bei Chatbots, der Generierung von Inhalten und für das automatische Schreiben. Das Modell ist in der Lage, Kontexte zu verstehen und menschenähnliche Antworten zu generieren, was es zu einem nützlichen Werkzeug für Aufgaben macht, die ein natürliches Sprachverständnis erfordern.

Abruf aus ChatGPT, deutsche Fassung FFB unter Verwendung von www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)

Training, Training, Training: durch menschliche Sparringspartner

ChatGPT baut auf GPT-3 bzw. GPT-3.5 auf – Sprachmodelle, die seit 2020 (GPT-3) im Einsatz sind. „GPT“ steht dabei für „Generative Pre-trained Transformer“, also ein Sprachmodell, das zuvor trainiert wurde und dann selbstständig Sprachausgaben generiert und dabei automatisiert weiterlernt. Dieses KI-Modell zur Sprachbearbeitung basiert bereits auf 175 Milliarden Parametern, hat 570 GB an Daten aus Büchern, Internettexten, Wikipedia-Beiträgen und anderen online verfügbaren Quellen in sich aufgesogen. Genau genommen wurden mehr als 300 Milliarden Wörter in das System eingespeist.4

Allerdings berechnet es seine Antworten noch immer auf recht einfachen Wahrscheinlichkeiten für die Ergänzung eines nächsten Wortes in einem Satz. Das führt manchmal eben zu einer schlechten Anpassung an die Weise, wie wir Menschen tatsächlich kommunizieren.

Der wesentliche Fortschritt von ChatGPT liegt darin begründet, dass es mithilfe der Unterstützung durch menschliche Trainer (sog. „Labeler“) im kontinuierlichen Lernen immer wieder verbessert wurde („reinforcement learning“). ChatGPT durchläuft dazu einen dreischrittigen Trainingsplan.5

ChatGPT: trainiertes Lernen durch menschliches Feedback (Grafik auch zum Download verfügbar)

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Quelle: Open AI. Adaption ins Deutsche und Erläuterungen: FFB

Die Schritte im Detail

  • Schritt 1: Überwachte Feinabstimmung („Supervised Finetuning (SFT)“). Ein vortrainiertes Sprachmodell (GPT-3.5) wird anhand einer relativ kleinen Menge von Beispieldaten feinabgestimmt, die von menschlichen Trainern kuratiert werden. So entsteht eine von Menschen überwachte Handlungsrichtlinie (das SFT-Modell), die Ausgaben aus einer ausgewählten Liste von Eingabeaufforderungen generiert. Dies ist das Basismodell für ChatGPT.
  • Schritt 2: „Imitieren menschlicher Präferenzen“. Die menschlichen Trainer werden gebeten, über eine relativ große Anzahl der Ergebnisse des SFT-Modells abzustimmen. Dadurch wird ein neuer Datensatz aus Vergleichsdaten erstellt. Aufbauend auf diesem Datensatz wird ein neues Modell trainiert, indem die KI versucht, neue Fälle aufgrund der angelernten Vergleichsdaten zu beurteilen. Dies wird als Belohnungsmodell („Reward Model (RM)“) bezeichnet.
  • Schritt 3: Zentrale Handlungsrichtlinien bevorzugen („Proximal Policy Optimization (PPO)“): Das Belohnungsmodell (RM) wird verwendet, um das SFT-Modell weiter zu verfeinern und zu verbessern und Ausgaben zu bevorzugen, die mehr im Zentrum der menschlichen Erwartungen liegen. Das Ergebnis dieses iterativen Schrittes ist das sogenannte Policy-Modell, das letztlich die Sprachausgaben (Antworten) steuert.

Bei allem scheinbar menschlichen Verstehen und Antworten macht dieser kurze Blick hinter die Kulissen von ChatGPT aber auch deutlich: Selbst dieses ausgefeilte künstlich-intelligente Modell „versteht“ nicht wirklich, was es an Sprache produziert. Es löst nicht wirklich Probleme, die bisher ungelöst sind. Es ist lediglich – und das ist durchaus bemerkenswert – besser trainiert auf unsere Fragen Antworten zu geben, die so klingen, wie sie unsere zu einem angesprochenen Thema gut informierte Nachbarin sie geben würde.

Entwicklung: große Player sind bevorzugt

Der Detailblick in die Funktionsweise von ChatGPT lohnt sich auch auf einer zweiten Ebene. Er macht anschaulich, was die Basis aller erfolgreichen umfassenden Sprachmodelle der Zukunft sein dürfte: Sie verlangen in der Entwicklung einen enormen Aufwand an Ressourcen – in Bezug auf Rechenleistung, aber auch in Bezug auf den Einsatz und die Arbeitszeit menschlicher Trainer.

Innerhalb von wenigen Jahren ist die Anzahl von Parametern, die von solchen Systemen berücksichtigt werden, exponentiell gewachsenen (siehe Grafik). Daher können sich eigentlich nur noch große Unternehmen und potente Geldgeber mit der Entwicklung umfassender KI-Sprachmodelle befassen und am Ende durchsetzen.

Steiler Anstieg; Anzahl der Parameter großer KI-Modelle (in Mrd.) (Grafik auch zum Download verfügbar)

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Quelle: KI-Bundesverband, 2022

Hinter Open AI als Non-Profit-Organisation stehen etwa Microsoft und Elon Musk. Neben der Integration in die Microsoft Suchmaschine Bing werden also zeitnah in deren Angeboten weitere Anwendungen von ChatGPT zu erwarten sein. Durch die weltweit riesige Zahl an Usern verfügt Microsoft zudem über ein kaum zu überbietendes Datenpotenzial, das zur Weiterentwicklung angewandt werden kann. Es dürften also die Großen der Industrie sein (Google, Facebook, Microsoft etc.), die umfassende Sprachmodelle als „Waffen“ im gegenseitigen Wettbewerb um Nutzer und wertvolle Nutzerdaten einsetzen werden.

Anwendungen: Kreativität und Ideen zählen

Anders als bei der Entwicklung umfassender Sprachmodelle ist bei den neuen Möglichkeiten und Chancen, die sich in ihrer Anwendung ergeben, die Kreativität entscheidend. Entwickler mit einem klaren Gespür dafür, welchen neuen Nutzen Anwenderzielgruppen aus Angeboten ziehen können, die sich auf Basis solcher Sprachmodelle entwickeln lassen, können ganz neue Anwendungen erschaffen.

Hier kommt es nicht so sehr auf die Kapitalbasis an. Man kann sich das verdeutlichen, wenn man ein paar Jahre zurückgeht in die Zeit, als der Mobilfunkdatenstandard 4G entwickelt wurde. Die Entwicklung der Technologie und der Hardware sowie die kostenintensive Bereitstellung der Datennetze lag in den Händen großer Konzerne. Doch die Tatsache, dass plötzlich überall mobile Daten verfügbar waren, ließ gänzlich neue Ideen für neue Anwendungen aufkommen, die vorher als undenkbar galten. Aus Start-Ups mit den richtigen Ideen wurden die neuen Stars der Industrie. Beispiele sind Airbnb, Uber oder auch Instagram.

Kommerzielle Anwendungspotenziale von ChatGPT

Auch hierzu haben wir das Sprachmodell selbst befragt. Das ist seine Antwort: „Die kommerzielle Anwendung von ChatGPT, einem großen sprachlichen Modell, kann für Investoren zahlreiche Chancen eröffnen. ChatGPT ist ein fortschrittliches KI-Modell, das in der Lage ist, menschenähnliche Konversationen zu führen und natürliche Sprache zu verstehen. Dies eröffnet Investoren Möglichkeiten in verschiedenen Branchen, einschließlich der folgenden:

1. Kundensupport: Unternehmen können ChatGPT verwenden, um Kundenfragen automatisch zu beantworten und Kundenanfragen zu bearbeiten. Dadurch können sie den Kundensupport verbessern und gleichzeitig Kosten sparen, indem sie menschliche Arbeitskräfte reduzieren.

2. Personalisierte Werbung: ChatGPT kann verwendet werden, um personalisierte Werbung zu erstellen, die auf den Interessen und Vorlieben der Kunden basiert. Dies kann dazu beitragen, die Effektivität von Werbekampagnen zu steigern und den ROI zu verbessern.

3. E-Commerce: ChatGPT kann in E-Commerce-Plattformen integriert werden, um die Produktbeschreibungen und Empfehlungen automatisch zu generieren. Dies kann den Kaufprozess für Kunden erleichtern und den Umsatz für Unternehmen steigern.

4. Bildung: ChatGPT kann in Lernprogrammen und Online-Kursen eingesetzt werden, um den Schülern ein personalisiertes Lernerlebnis zu bieten. Es kann auch verwendet werden, um automatisch Lerninhalte zu generieren und Lehrern bei der Bewertung von Tests und Hausaufgaben zu unterstützen.

5. Gesundheitswesen: ChatGPT kann in der medizinischen Diagnose eingesetzt werden, um Patientenfragen zu beantworten und die Diagnose zu erleichtern. Es kann auch in der Forschung eingesetzt werden, um große Mengen an medizinischen Daten automatisch zu analysieren und Muster zu erkennen.

Insgesamt bietet die kommerzielle Anwendung von ChatGPT Investoren zahlreiche Chancen, um ihre Geschäftsprozesse zu verbessern, Kosten zu senken und den Umsatz zu steigern. Unternehmen, die ChatGPT erfolgreich einsetzen, können sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen und ihren Kunden ein besseres Erlebnis bieten.“

Quelle: ChatGPT, Frage „Welche Chancen können für Investoren aus kommerziellen Anwendungen von ChatGPT entstehen?“, Abruf in Deutsch, 13.03.2023

Die Bedeutung für alle, die Kapital anlegen

Wie bei allen Technologien, die sich rasant entwickeln, ist der Blick nach vorn mit sehr vielen Unwägbarkeiten und auch schlicht Unbekanntem gepflastert. Die Gewinner von morgen sind womöglich heute noch gar nicht am Start. Tendenziell investieren zwar die USA (zumindest, wenn man die privaten Investitionen berücksichtigt) am meisten in KI-Entwicklung. Mit gut 50 Mrd. US-Dollar pro Jahr liegen die Investitionen dort um das Vierfache höher als etwa in China. Was dies für die aus Anlegersicht wichtigen Unternehmensgewinne aussagt, lässt sich kaum längerfristig vorhersagen. Kann sich ein Anbieter durch seine Investitionen dauerhaft eine bessere Marktposition erarbeiten? Oder nivellieren sich die Vorteile trotzt hoher Investitionen im Wettbewerb der Tech-Giganten?

Aus welchen Regionen und aus welchen Branchen mögliche Profiteure neuer Anwendungen besser funktionierender KI-Sprachmodelle kommen werden, ist sogar noch überhaupt nicht absehbar.

Für private Anlegerinnen und Anleger in Fonds hat das verschiedene Konsequenzen: Sie müssen zum Beispiel sehr genau überlegen, ob sie etwa in einen Branchenfonds Technologie oder einen Themenfonds AI (der auch Werte aus unterschiedlichen Anwenderbranchen berücksichtigen kann) investieren, um konzentriert von den Potenzialen der Entwicklung auf dem Gebiet der Sprachmodelle zu profitieren. Aktienfonds mit breiterem Anlageuniversum können unter Umständen auch Schwerpunkte auf Profiteure der KI-Weiterentwicklung setzen.

Wichtig ist in jedem Fall die genaue Strategie zu kennen, auf deren Basis die Anlagewerte im Fonds ausgewählt werden. Denn wie jeder große technologische Fortschritt birgt auch die sprunghafte Entwicklung von Sprachmodellen, wie sie der gegenwärtige ChatGPT-Hype verdeutlicht, riesige Disruptionspotenziale. Die Gewinner von heute müssen nicht die von morgen sein. Langfristig orientierte aktiv gemanagte Strategien bringen in dieser Situation zumindest die Möglichkeit mit, ihre Titelauswahl an den künftigen Gewinnern auszurichten und sich positiv auszuzeichnen.

Quellen
Wirschaftswoche.de, 11.12.2022
Reuters.com. 2.2.2023
Tagesschau.de, 15.03.2023
BBC Science Focus, 2. Februar 2023
Die Darstellung basiert auf Hinweisen zum vergleichbaren Modell InstructGPT, die von Open AI am 30.November 2022 veröffentlicht wurden. (https://openai.com/blog/chatgpt?ref=news-tutorials-ai-research)

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