Bislang scheint China im Ukraine-Krieg an Russlands Seite zu stehen. Doch wie weit geht China mit der Solidarität? Und welche Risiken bestehen für Anleger? Chinas vielfach unter Beweis gestellte ökonomische Rationalität gibt Anlass zur Hoffnung.

Von „strategischer Partnerschaft“ und „grenzenloser“ Freundschaft war noch Anfang Februar die Rede, als Chinas Staatschef Xi Jinping den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu den olympischen Winterspielen empfing. Die Hongkonger „South China Morning Post" schwärmte gar von einer „Kameradschaft wie während der ‚Flitterwochen' in den 1950er Jahren".1 Auch nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine schien erst einmal kein Blatt zwischen die beiden Großmächte zu passen: An den westlichen Sanktionen gegen Russland beteiligt sich China nicht. China enthielt sich auch, als die UNO-Generalversammlung mit großer Mehrheit den russischen Angriff auf die Ukraine verurteilte. Und Peking ruft zwar beide Seiten zur Diplomatie auf, gleichzeitig kursieren aber Gerüchte über mögliche Waffenlieferungen an Moskau.

CDU-Chef Friedrich Merz sorgt sich nun, dass mit China der nächste große Konflikt für die ganze Welt drohen könnte: „Was ist die Antwort der Europäer auf die Haltung der Volksrepublik China, die sich nicht bereitfindet, hier ein klares Wort zu finden?“, fragte Merz provokant während der Generaldebatte im Bundestag im März.2

Chinas Unterstützung für Russland hat eine weitreichende politische Dimension. Und das ist in diesen Tagen des Krieges in der Ukraine insbesondere eine militärische, die zuallererst großes humanitäres Leid insbesondere für die Menschen in der Ukraine nach sich zieht.

Von den ökonomischen Auswirkungen sind auch Anleger betroffen. Denn der Grad der Unterstützung Chinas hat vor allem auch Einfluss auf Verlauf und Dauer des Krieges – und somit auf seine ökonomischen Folgen. Wer Kapital in China investiert hat, kann sich zudem die Frage stellen: Droht nun China ähnliches wie Russland? Russische Aktien sind bereits nichts mehr wert, das Land ist aus dem wichtigen Schwellenländerindex MSCI Emerging Market ausradiert.

China: Ökonomie vor Ideologie

Klar ist: Die geopolitische Ordnung ist empfindlich gestört. Die oft ausgerufene „Zeitenwende“ ist kein Kassandraruf mehr – sie ist da. Das gilt nicht nur für die Rolle Russlands und des Westens, sondern auch für die Chinas. Doch wer beobachtet hat, wie China sich in den vergangenen Jahren verhalten hat, kann feststellen: Von der neuen Seidenstraße bis zu den jüngsten Versuchen, offensichtlichen Fehlentwicklungen durch Regulierung zu begegnen – ökonomisch zeigte sich Peking stets höchst rational und strategisch denkend. Das könnte im Konflikt um den Ukraine-Krieg Anlass zu politischer und ökonomischer Hoffnung sein.

Denn China ist ungleich stärker mit der globalen Wirtschaft und dem Westen verwoben als mit Russland. Zwar gibt es Konkurrenz, aber daneben auch ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht und klare wechselseitige Abhängigkeiten. Zudem ist China weltwirtschaftlich betrachtet im Unterschied zu Russland ein Schwergewicht: Das Land steuert nach Kaufkraftparitäten mittlerweile 18,7 Prozent zum globalen BIP bei, Russland nur 3,1 Prozent.

Noch größer ist der Unterschied, blickt man auf die globalen Exporte: Chinas Anteil liegt hier bei 14,2 Prozent, Russlands nur bei 2,2 Prozent. Bei den Importen sind es 10,5 Prozent versus 1,2 Prozent. „Einen Bruch mit den USA und Europa will China auf keinen Fall riskieren“, folgert der Tagesspiegel.3

„China will Westen nicht verprellen“

Um die Verwobenheit weiß auch China – ein wichtiger Faktor, der darauf hoffen lässt, dass China den Ukraine-Konflikt deeskalieren und eine globale politische und wirtschaftliche Krise vermeiden möchte. „China lehnt die Sanktionen gegen Russland in den vergangenen Tagen zwar immer wieder lautstark ab, will den Westen aber nicht verprellen oder selbst zum Ziel von Strafmaßnahmen werden“, meint denn auch Professor Shi Yinhong von der Pekinger Volksuniversität.4 Ein Grund dürfte auch sein: Beim 20. Parteitag im November 2022 will sich Xi Jinping für weitere fünf Jahre als Generalsekretär bestätigen lassen.

Das kann er nur, wenn Chinas Wirtschaft gut dasteht. Gerade in Zeiten, in denen die Null-Covid-Strategie nicht mehr funktioniert und immer neue Lockdowns das Wachstum ausbremsen, kann der Starke Mann in Peking weitere Probleme bei den Exporten, die immer noch ein wichtiges Standbein der chinesischen Wirtschaft bilden, nicht gebrauchen. In einer kurz- bis mittelfristigen Betrachtung können weitere Verwerfungen in der globalen Wirtschaft China deutlich mehr schaden als nutzen. Rational ökonomisch dürften damit die Ausgangslage klar und Chinas Interessen deutlich sein.

EU-China-Gipfel: Chinas Interessen scheinen durch

Der virtuelle Gipfel zwischen der EU und China am 1. April endete ohne gemeinsame Schlusserklärung. Die politische Beurteilung der Ereignisse in der Ukraine – China spricht noch immer nicht von Krieg und macht wie Russland die NATO-Osterweiterung für die Lage verantwortlich – könnte kontroverser kaum sein. 

Und doch kamen, nachdem die Positionen klar gestellt wurden, auch Aussagen, die deutlich machen, dass die chinesische Führung anderes denkt als die russische und die ökonomischen Folgen jederzeit im Blick hat. So soll Chinas Premierminister Li Keqiang geäußert haben, dass China „auf seine eigene Weise" Friedensgespräche fördere. So wolle sein Land mit der EU und auch global zusammenarbeiten und dabei eine „konstruktive Rolle" spielen.5 Nach dem Gipfelgespräch gab Li auch noch zu Protokoll: „China und die EU sind die wichtigsten Handelspartner des jeweils anderen"6 und machte damit nach allen abweichenden Einschätzungen des Gipfels auf die Gemeinsamkeit ökonomischer Interessen aufmerksam.
 

Wirklich grenzenlose Freundschaft?

Noch ist nicht ausgemacht, wie sich das Land verhalten wird. Wird China Russland unterstützten oder doch eine Vermittlerrolle einnehmen? Das eine, wie das andere hätte weitreichende Folgen für China und auch für Investoren weltweit. Anleger und ihre Berater können aber zumindest Hoffnung auf die bislang oft unter Beweis gestellte ökonomische Rationalität Chinas setzen. Sich überstürzt von China-Engagements zu trennen, wäre dann nicht angezeigt. Denn es bleibt abzuwarten und zu beobachten, wie grenzenlos die Freundschaft von China und Russland wirklich ist.

Wer aus Anlegersicht eine langfristige Perspektive einnimmt, kann China ohnehin nicht ignorieren. Denn der ökonomische Wettbewerb zwischen den USA (und westlichen Industrienationen) und dem Schwergewicht in Asien geht – auch losgelöst von der aktuellen Kriegssituation – in die nächste Runde. China könnte aus der Gemengelage sogar womöglich gestärkt hervorgehen. Während gerade Europa seine Aufmerksamkeit zwischen der Wirtschafts- und der Sicherheitspolitik teilen und seine Rohstoff- und Energielieferketten reorganisieren muss, könnte der aktuelle Konflikt China langfristig in die Karten spielen. Denn Russland könnte mehr denn je zum willigen und bei sinkender Nachfrage aus dem Westen auch günstigen Rohstoff- und Energielieferanten für Chinas Wirtschaft werden, die zwar langsamer als vor einem Jahrzehnt aber immer noch deutlich wächst.

Quellen:

1 Tageschau, 04.02.2022.
2 ZDF, 23.03.2022.
3 Tagesspiegel, 18.03.2022.
4 Wirtschaftswoche, 09.03.2022.
5 sueddeutsche.de, 01.04.2022
6 handelsblatt.com, 01.04.2022

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