Inflationsmahner gibt es schon seit der Finanzkrise zuhauf. Bislang hatten sie unrecht. Das heißt aber nicht, dass es so bleibt. Es kann auch anders kommen. Und was, wenn Notenbanken sich nicht gegen steigende Preise stemmen, wie es ehemals ihr Auftrag war?

Seit kurzem scheint möglich, was lange Zeit als unmöglich galt: Die Rückkehr der Inflation. Schon seit der Finanzkrise – inzwischen also über 10 Jahre – fluten die Notenbanken in Europa und den USA die Märkte mit Geld. Doch die Inflation blieb aus – obwohl sie nach dem klassischen Verständnis der Geldtheorie längst hätte da sein müssen. Nun zogen erstmals seit langer Zeit die Preise wieder kräftiger an: Die Inflationsrate in Deutschland lag im Februar bei 1,3 Prozent zum Vorjahresmonat1 (s. Grafik 1). Auch in den USA ist die Inflationsrate zuletzt deutlich gestiegen.2

Inflation zieht an (Grafik als Download verfügbar)

Quelle: Statistisches Bundesamt, März 2021.

Und das könnte erst der Anfang sein: „Aus heutiger Sicht könnte die Teuerungsrate zum Jahresende zeitweise 3 Prozent deutlich überschreiten“, erklärte zum Beispiel die Bundesbank im März.3 Die EZB hat ihre Inflationsprognose für dieses Jahr zwar lediglich von 1 auf 1,5 Prozent hochgesetzt, hält es aber für möglich, dass die Rate Ende des Jahres 2 Prozent erreicht.4 Nicht wirklich beruhigend, dass EZB-Chefin Christine Lagarde gleich ankündigte, durch die Entwicklung „hindurchzusehen“.5 Die Lage in den USA ist ähnlich: Laut US-Notenbankchef Powell könnte die Wiedereröffnung der Wirtschaft „einen gewissen Aufwärtsdruck auf die Preise erzeugen“. Die Notenbank werde aber „geduldig" sein, bevor sie ihre Geldpolitik ändere – selbst wenn die Inflation vorübergehend anziehen sollte.5 Die Sorge um die wirtschaftliche Erholung ist in Europa wie auch in den USA also offenbar zu groß, um zinspolitisch gegen Inflationstendenzen einzuschreiten.

Nur „German Angst“?

Ist die Inflationssorge hierzulande nur typische „German Angst“? Immerhin wird den Deutschen ein neurotisches Verhältnis zur Inflation nachgesagt. Oder droht doch eine reale Gefahr, weil die Zentralbanken – jenseits von Nicht-Wollen – tatsächlich kaum mehr Handlungsmöglichkeiten haben?

Was die kurze Sicht angeht, herrscht mehr oder weniger Einigkeit: Die Inflation dürfte im Jahresverlauf spürbar ansteigen. Das liegt zunächst hauptsächlich an Sondereffekten, die sich im Vergleich zum Vorjahresmonat (damals unter dem Eindruck der ersten Corona-Phase) bemerkbar machen:

Sprung in den Rohstoffpreisen – Öl ist heute wieder teurer. Die Preise einer ganzen Reihe von Industriemetallen haben vor kurzem zudem Mehrjahreshochs erreicht und dürften viele Produkte verteuern.6

Der Mehrwertsteuerschritt in Deutschland: Auch die teilweise Rückkehr zu den alten Mehrwertsteuersätzen nach der temporären Senkung wirkt preissteigernd. Dazu kam die Einführung einer CO2-Abgabe in Deutschland Anfang 2021.

Konsumrausch nach dem Lockdown: Im monatelangen Lockdown hat sich trotz wachsenden Online-Shoppings viel Nachfrage aufgestaut. Mit einem vielleicht doch bevorstehenden Ende des Lockdowns dürfte die Nachfrage einen Schub erfahren und bei Konsumgütern preissteigernd wirken, wie das in anderen Ländern schon zu beobachten war.

Längerfristige Preistreiber: Vergreisung, lokal statt global, ESG

Nicht so klar und unumstritten ist, wie es auf lange Sicht weitergeht. „Das Problem ist, dass der Geldüberhang immer größer wird und die Gefahr wächst, dass sich eine Inflation nicht mehr bremsen ließe“, meint etwa der ehemalige Chef des Ifo-Instituts Hans-Werner Sinn.7 Sein Nachfolger Clemens Fuest sieht weniger schwarz: „Ob es zu einer dauerhaft höheren Inflation kommt, hängt davon ab, ob wir uns in Richtung einer dauerhaften Finanzierung von Staatsausgaben durch die Notenpresse bewegen und ob das grundsätzliche Vertrauen in solide Staatsfinanzen und stabilitätsorientierte Geldpolitik beschädigt wird“, erklärt er. Damit rechnet er nicht.8

Doch einiges spricht für dauerhaft steigende Inflationsraten:

  • Die demografische Entwicklung. Deutschlands Bevölkerung altert. Das heißt: Der Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung geht zurück. Wer noch arbeitet und damit seine Arbeitskraft anbietet, wird immer dann höhere Löhne fordern und durchsetzen können, wenn die Nachfrage hoch ist. Die Lohn-Preis-Spirale – für lange Zeit außer Kraft – könnte so in Gang gesetzt werden. Die Alterung der Bevölkerung könnte sich außerdem negativ auf das Produktivitätswachstum auswirken. Produktivitätsanstiege sind aber traditionell ein wirksames Gegenmittel gegen inflationäre Preisentwicklungen – sie ermöglichen günstigere Produktpreise.  
  • Globalisierung ausgebremst. Als ein ganz wichtiger Grund für die niedrigen Inflationsraten der letzten Jahrzehnte gilt die Globalisierung. Lieferketten wurden optimiert. Ziel waren möglichst niedrige Preise entlang der Wertschöpfungsketten. Doch die Pandemie hat die logistischen Nachteile global dezentralisierter Lieferketten offengelegt. Der Trend dürfte zumindest in einigen Bereichen bzw. Industrien wieder zurückgehen zur regionalen Produktion und Selbstversorgung infolge partieller Wiedereinführung größerer eigener Fertigungstiefen. Zumindest partielle De-Globalisierung statt fortschreitende Globalisierung – das ist tendenziell en vogue und könnte zum Preistreiber werden.
  • Nachhaltigkeit immer wichtiger: Um Klimaziele einhalten zu können, dürfen Unternehmen nicht mehr nur auf die günstige Produktion achten, sondern müssen auch Klimaaspekte einbeziehen. Immer mehr Verbraucher dürften auch bereit sein, für klimafreundliche Produkte mehr Geld zu bezahlen. Und wo diese Bereitschaft besteht, werden die Preise ihren Weg dorthin finden.

Notenbanken: Gefangen in der eigenen Strategie

Ganz entscheidend ist aber die ultralockere Geldpolitik, an der die Notenbanken – EZB und Fed – festhalten werden. Denn während in der Vergangenheit die Notenbanken auf Inflation mit einer Straffung der Geldpolitik reagieren konnten und auch reagiert haben, ist das jetzt nicht mehr so leicht möglich, vom Willen dazu ganz zu schweigen. Die Sorge um ein Abwürgen der fragilen Konjunktur dürfte groß bleiben. Außerdem sind die Länder wegen der nochmals rasant angestiegenen Verschuldung der Staatshaushalte – allen voran die hoch verschuldeten „Südländer“ der EU – sehr empfindlich gegenüber steigenden Zinsen. Der Regelkreis von Inflation und Leitzinserhöhung – er dürfte außer Kraft gesetzt sein.

  Inflation: Was dafür spricht (Grafik als Download verfügbar)

Inflation als Dauergast

Die Inflation dürfte also nicht nur eine Stippvisite machen, sie könnte zum Dauergast werden. Anleger und ihre Berater sollten das auf dem Schirm haben. Und sie sollten Portfolios gegen Inflationsrisiken absichern. Denn eins bleibt: Wer zu sicherheitsorientiert investiert mit niedrigen Renditen, verliert real Geld. Dazu reichen durchaus Inflationsraten, die weit vom Schreckgespenst der Hyperinflation entfernt sind. Auch dauerhafte Inflationsraten von drei, vier oder fünf Prozent nagen am Vermögen.

Anleger können dagegen etwas tun: etwa, indem sie auf inflationsgeschützte Anleihen und Anleihen mit höheren Renditen setzen. Am besten mit aktiv gemanagten Fonds, bei denen Profis auch das Risikomanagement übernehmen. Und vor allem auf Aktien. Denn über die Beteiligung an Unternehmen als Sachwertanlage konnten sich Anleger erwiesenermaßen schon immer vor Inflation schützen. Inflationsschutz liegt gewissermaßen in der Natur der Sachwertanlage – natürlich vorausgesetzt, die Qualität der Selektion stimmt.

Quellen:
1Destatis, 12.03.2021.
2Bureau of Labor Statistics, USA, März 2021.
3FAZ, 23.03.2021.
4FAZ, 11.03.2021.
5FAZ, 05.03.2021.
6Datastream/Refinitiv, 23.03.2021.
7Der Standard, 03.03.2021.
8Capital, 02.03.2021.

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