Rasant steigende Geldmengen, immer höhere Staatsschulden – viele Anleger haben die Sorge, dass im Falle einer wieder anspringenden Inflation die Zentralbanken nichts mehr dagegen unternehmen können.

Trotz geldpolitisch gewollter Liquiditätsschwemme in historisch nicht bekanntem Ausmaß: Von Inflation kann in der Eurozone und in den USA derzeit nicht die Rede sein. Im August und September fiel die Inflationsrate in der Eurozone sogar in den Negativbereich mit minus 0,2 und minus 0,3 Prozent.1 Doch diese Kurzfristbetrachtung sagt noch wenig über die weiteren Aussichten.

In Reaktion auf COVID-19 haben Notenbanken weltweit ihre Geldpolitik nochmals deutlich expansiver gestaltet. Nach dem im März angekündigten und im Juni auf 1.350 Milliarden Euro aufgestockten neuen Anleihekaufprogramm der EZB („Pandemic Emergency Purchase Programme“ PEPP) weckte EZB-Chefin Christine Lagarde Ende Oktober sogar Hoffnung auf weitere Schritte im Dezember. In den USA senkte die Federal Reserve die Leitzinsen zweimal, legte ebenfalls ein riesiges Anleihekaufprogramm auf und versicherte im Juni, dass es bis Ende 2022 keine Zinserhöhung geben soll. 

Damit müsste es der traditionellen ökonomischen Theorie zufolge in jedem Fall zu Inflation kommen: „Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen. Sie kommt ausschließlich durch die Ausweitung der Geldmenge zustande“ – dieser geldpolitische Lehrsatz des US-Ökonomen und Nobelpreisträgers Milton Friedman aus den 1970er Jahren klingt Generationen von Volkswirten noch im Ohr. Auf die Frage, warum die Inflation heute unter den gegebenen Umständen immer noch so niedrig bzw. gar nicht sichtbar ist, haben manche Ökonomen ebenfalls eine Antwort: Sie verweisen darauf, dass Geschäftsbanken im System der Geldschöpfung eine entscheidende Rolle in der Transmission von Zinsentscheidungen der Zentralbanken spielen (siehe Grafik „Der Weg des Geldes“ unten). Kapital, das sie auf ihren Einlagekonten bei der Notenbank belassen, gelangt nicht in die Realwirtschaft. Das geschieht heute zum Teil auch deshalb, weil Kredite z. B. für Investitionen in unsicheren Zeiten weniger nachgefragt werden und Kapital zur Überbrückung von Liquiditätsengpässen aus anderen Quellen wie staatlichen Fördermitteln und Hilfsprogrammen zur Verfügung steht.

Argumente für und gegen Inflation

Die Frage ist nun: Wie geht es weiter? Ob es in absehbarer Zukunft zu Inflation kommen wird, ist unter Fachleuten durchaus umstritten. Denn auch für konstante oder sogar rückläufige Preise – also das gefürchtete Deflationsszenario – spricht einiges: die krisenbedingt weltweit schwache Güternachfrage, eine ebenfalls krisenbedingt höhere Sparneigung und die Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Pandemie etwa. „In einer Situation, in der das BIP nicht vor 2022 das Niveau von 2019 erreichen wird, ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass eine Inflation von über zwei Prozent auftritt“, meint etwa der Freiburger Ökonom und Vorsitzender der Wirtschaftsweisen Lars Feld. „Wir können froh sein, wenn keine deflationären Tendenzen da sind.“ Auch für die Zeit nach 2022 rechnet Feld nicht unbedingt mit Inflation.2

Auf der anderen Seite finden sich auch gewichtige Argumente für ein deutliches Anziehen der Inflationsraten: Springt die Wirtschaft – nach Corona – wieder an, könnten Unternehmen wieder verstärkt Kredite nachfragen – und zwar subventioniert verbilligte. Die massiv ausgeweitete Geldmenge würde dann in der Realwirtschaft ankommen. Neben diesen rein über die Geldpolitik induzierten Effekten könnten die von vielen prognostizierte Deglobalisierung und Reorganisation von Lieferketten zu steigenden Preisen aufgrund höherer Kosten führen. 

Zentralbanken als Bollwerk gegen Inflation? 

Ob Notenbanken sich dann dagegenstemmen können? Das Problem: Würden sie die Leitzinsen anheben oder die im Rahmen der Anleihekäufe erworbenen Papiere wieder verkaufen, könnten bonitätsschwächere Unternehmen und vor allem Länder (etwa Europas Peripherieländer) in Schwierigkeiten geraten. Ebenso Banken, bei denen Anleihen in den Bilanzen ebenfalls an Wert verlieren würden. „Seien wir ehrlich: Kein EZB-Präsident kann es wagen, diesen Weg zu gehen. Dazu sind die hochverschuldeten Länder, die im EZB-Rat das Sagen haben, zu mächtig“, schreibt der ehemalige ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.3

Die im August verkündete neue Strategie der US-Notenbank, das „Average Inflation Targeting“, lässt ebenfalls befürchten, dass ein Gegensteuern nicht gewollt ist. Kern der neuen Strategie: Die Fed will in Zukunft auch eine Inflation über 2 Prozent tolerieren, falls in den Jahren zuvor die Inflation unter dieser Marke gelegen hat. Lange Jahre deutlich über dem Ziel von 2 Prozent liegende Inflationsraten könnten somit akzeptiert werden (mehr zur Fed-Strategie). Als nicht unwahrscheinlich gilt, dass auch die EZB diesen Weg einschlägt.

Sich positionieren in unsicheren Zeiten

Inflation oder Deflation – noch ist ungewiss, was kommen wird. Für Anleger und ihre Berater bedeutet das letztlich, sich auch auf Inflation einzustellen: Im inflationären Umfeld geraten Anleihen in der Regel unter Druck, da Kupon und Nominalwert mit anziehender Inflation an Wert verlieren. Abhilfe könnten inflationsgeschützte Anleihen bieten. Aktien profitieren normalerweise, da Unternehmen die Preise für ihre Waren oder Dienstleistungen möglicherweise anheben und ihre Gewinne steigern können. Auch Rohstoffe inklusive Edelmetalle wie Gold gelten vielen als Gewinner bei Inflation. Die beste Strategie für unterschiedliche Szenarien dürfte ein breit gestreutes Portfolio sein. Denn neben dem Inflationsschutz müsste bei offenem Ausgang auch für eine mögliche Deflation vorgebeugt sein – und dann spielen Anleihen doch wieder eine wesentliche Rolle. Ihre dem Betrag nach festen Kapitalerträge gewinnen in einem deflationären Umfeld real an Wert. Das kann dann auch deren Kurse treiben. Allerdings ist die Bonität der Schuldner ein kritischer Faktor. Denn diese können in einem deflationären Wirtschaftsszenario schnell unter Druck geraten.

Hintergrund: der Weg des Geldes

Die Macht der Zentralbanken ist begrenzt, selbst wenn sie diese zur Bekämpfung von Inflation oder Vermeidung von Deflation ihrer Strategie gemäß einsetzen wollen. Als Hintergrund ist es deshalb wichtig, dass Anleger verstehen, wie Liquidität beispielsweise von der EZB in die Wirtschaft kommt. Denn so lassen sich Möglichkeiten und Grenzen der Einflussnahme von Zentralbanken auf die Inflationsentwicklung besser einordnen.

Bargeld spielt dabei heute eine immer geringere Rolle. Das sogenannte Giralgeld, das auf Konten und in Krediten ausgewiesen wird, ist der bedeutend größere Hebel, wenn es gilt, Liquidität ins Wirtschaftsleben zu pumpen. Geld zu drucken und in Umlauf zu bringen (Geldmenge M0) ist daher für die EZB kein probates Mittel mehr. Doch auf die Geldmengen, die Inflation entscheidend beeinflussen (wie die Geldmenge M3, die auch Kredite umfasst), kann die Zentralbank nicht unmittelbar einwirken. Sie kann lediglich Wertpapiere im Rahmen von Kaufprogrammen (wie PEPP) von den Geschäftsbanken erwerben. Der Verkaufserlös wird dann der jeweiligen Bank auf ihrem Einlagenkonto bei der EZB gutgeschrieben. Sie hat damit die Voraussetzung für weitere Kreditvergaben an Unternehmen und Verbraucher, wodurch – technisch gesprochen – die Geldmenge M3 anwächst. In der Praxis hätten Unternehmen und Verbraucher damit mehr Kapital für Investitionen und Anschaffungen zur Verfügung.

Methoden der Geldschöpfung (Grafik als Download verfügbar)
Wie die EZB Liquidität in das Wirtschaftsleben bringt

 Schematische Darstellung nur zur Illustration, FFB

1 Eurostat, Oktober 2020
2 Börse am Sonntag, 09.09.2020
3 Wirtschaftswoche 02.10.2020

Wichtige Information: Bei diesem Dokument handelt es sich um eine Marketing-Information. Die FIL Fondsbank GmbH (FFB) veröffentlicht ausschließlich produktbezogene Informationen und erteilt keine Anlageempfehlung/Anlageberatung. Wertentwicklungen in der Vergangenheit sind keine Garantie für zukünftige Erträge. Der Wert der Anteile kann schwanken und wird nicht garantiert. Alle geäußerten Meinungen sind, falls keine anderen Quellen genannt werden, die der FFB. Diese Informationen dürfen - mit Ausnahme der zum Download bereitgestellten Dokumente und Grafiken - ohne vorherige Erlaubnis weder reproduziert noch veröffentlicht werden. Fidelity, Fidelity International steht für FIL Limited (FIL) und ihre jeweiligen Tochtergesellschaften. Fidelity, Fidelity International, das FFB Logo und das F Symbol sind Marken von FIL Limited und werden mit deren Zustimmung verwendet. Möchten Sie in Zukunft keine weiteren Werbemitteilungen von uns erhalten, bitten wir Sie um Ihre schriftliche Mitteilung an den Herausgeber dieser Unterlage. Herausgeber: FIL Fondsbank GmbH, Postfach 11 06 63, 60041 Frankfurt am Main. Stand: 11.2020

MK 11723

Strategien für Ihre Kundenportfolios:

So starten Unternehmen aus der Krise

Exklusive Einblicke unserer Analysten


Fidelity

Fidelity

Experten-Gastbeitrag

Corporates aus Schwellenländern trotzen Corona-Pandemie

Die US-Wahlentscheidung und die Impfstoffentwicklung gegen COVID-19 haben Unt…


MainFirst

MainFirst

Experten-Gastbeitrag

Das Portfolio gegen die Auswirkungen der Corona-Krise impfen

Niedrigzinsen, wirtschaftliche Stagnation und Aktienmarktvolatilität: Herausf…


MainFirst

MainFirst

Experten-Gastbeitrag

Niedrige Anleihenrenditen sind nur eine Seite der Medaille | PIMCO

Niedrige Anleihenrenditen sind nur eine Seite der Medaille


PIMCO

PIMCO

Experten-Gastbeitrag

Anleihen: Zügellose Produkte für zügellose Zeiten

Immer neue Herausforderungen an den Anleihenmärkten


Carmignac

Carmignac

Experten-Gastbeitrag

Zinsflaute auf dem Sparbuch? Zeit für neue Produkte

Wer in der derzeitigen Niedrigzins- oder sogar Negativzinsphase Kapital in Ba…


Carmignac

Carmignac

Experten-Gastbeitrag