Der Krieg in der Ukraine erweist sich wirtschaftlich als weiterer Treibstoff für Inflation. Doch die Handlungsspielräume der Zentralbanken sind eingeschränkt. Von Anlegern verlangt das Geduld und Umsicht.

Zwei Vorbemerkungen zu diesem Beitrag:

1) Der Einmarsch Russlands in der Ukraine ist zuallererst eine humanitäre Katastrophe. Im Kriegsgebiet sterben jeden Tag sinnlos Menschen und es wird Heimat zerstört. Unsere Gedanken sind bei den Opfern.

2) Dieser Text beschreibt die Lage am 17. März – bei nach wie vor ungewisser Entwicklung des Kriegsgeschehens. Das ist wichtig, da die Situation sich gerade kurzfristig fundamental verändern kann. Alle Einschätzungen in den folgenden Abschnitten stehen also unter dem Vorbehalt der überaus dynamischen und zudem schwer vorhersehbaren weiteren Entwicklung.

Die FED hat es getan: Erstmals seit 2018 hat sie am 16. März 2022 die Zinsen wieder angehoben – um einen Viertelprozentpunkt.  Die Aktienmärkte weltweit beendeten den Handelstag positiv. Der S&P 500 schloss mit einem Plus von 2,1%, beim DAX ging es um satte 3,76% nach oben.  Wer die Welt nur aus den Lehrbüchern kennt, mag sich die Augen reiben, gelten doch Zinserhöhungen gemeinhin als Bremser der Aktienmarktentwicklung.

Wie unter dem Mikroskop betrachtet, offenbart diese Momentaufnahme die große Herausforderung des gegenwärtigen Szenarios für die Zentralbanken. Es gibt sehr starke exogene Faktoren, die aktuell die Aussichten für Wirtschaft und Anlagemärkte stärker bewegen als Zentralbankentscheidungen. So waren die Märkte schon vor der FED-Entscheidung - getrieben von vagen Aussichten einer Verbesserung im Russland-Ukraine-Konflikt und starker Unterstützung Chinas für seine Technologiewerte - positiv in den Handelstag gestartet. Der FED-Entscheid sorgte im Tagesverlauf dann nur kurzfristig für einen Dämpfer.

Das kann man als glückliches Timing sehen. Generell bewegen sich die Zentralbanken auf schmalem Grat zwischen der Ohnmacht, durch Zinserhöhungen positive Impulse gegen die rasante Inflationsentwicklung zu geben, und der Gefahr die Wirtschaft so unter Druck zu setzen, dass eine länger anhaltende Rezession droht. Mit einer zeitweiligen Verlangsamung des globalen Wirtschaftswachstums wird ohnehin gerechnet.

Zentralbanken haben nicht den richtigen Hebel

Das Grundproblem für die Zentralbanken lässt sich nicht aus der Welt schaffen: Die Inflation ist gegenwärtig ganz überwiegend angebotsinduziert. Das heißt, die Preissteigerungen liegen in einer Verknappung des Angebots hauptsächlich an Rohstoffen und Nahrungsmitteln begründet. Das hat unterschiedliche Auslöser, die von Spätfolgen der Coronakrise (etwa bei Halbleitern), über eine jahrelange Unterinvestition in Rohstofferschließung bis zu ganz aktuellen Kriegsfolgen auf Energieversorgung und -preise reichen. Gemeinsam ist allen: Die Zentralbanken haben keinerlei Einfluss darauf.

Ihre Mittel liegen in der Zins- und Geldpolitik. Und die kann nur auf die Nachfrageseite von Inflation einwirken. Höhere Zinsen können über Kreditimpulse den Spielraum für Investitionen und Konsum verringern und so die Nachfrage bremsen. Allerdings geht das immer zu Lasten des Wirtschaftswachstums. Denn weniger Nachfrage zieht in aller Regel eine verringerte Produktion nach sich. Wenn Zentralbanken ihrem Auftrag zur Inflationsbekämpfung nachkommen, können sie in der gegenwärtigen Ausgangslage also wenig richtig machen und viel falsch. Die Gefahr eines Politikfehlers ist erheblich. In Europa hält sich die EZB aus gutem Grund bedeckter  als die FED. Denn die Gefahr ist aufgrund der Vorschwächung der Wirtschaft durch die unmittelbar negativen wirtschaftlichen Auswirkungen des Kriegs im Osten noch größer.

Stagflation: Geschichte der 1970er nicht wiederholen

Ältere Anleger fühlen sich an die 1970er erinnert, wenn sie mit ihren Autos an die Zapfsäulen rollen und auf die Preise für Kraftstoffe schauen. Auch 1973 waren Angebotsfaktoren die Auslöser für die sogenannte Ölkrise. Und ein Krieg: Im Jom-Kippur-Krieg von Ägypten und anderen arabischen Staaten gegen Israel solidarisierten sich arabische Ölförderstaaten durch Drosslung der Ölmenge. 

Die FED reagierte damals mit scharfen Zinserhöhungen, um die Inflation in den USA einzudämmen. Sie trug damit maßgeblich zur nachfolgenden Stagflation bei: Große Teile der 1970er wurden für Wirtschaft und Anleger zu einem verlorenen Jahrzehnt mit anhaltender Rezession bei gleichzeitiger Inflation

Geschichte wiederholt sich nicht. Hoffentlich. Das vorsichtige Agieren der Zentralbanken macht deutlich, dass sie aus der Geschichte gelernt haben und sehr genau die wirtschaftlichen Konsequenzen ihrer Schritte im Blick behalten. Und sie fangen, was das Zinsniveau angeht, bei Null an. Von hier kann es nur in sanfteren Schritten nach oben gehen, wenn die lange aufgeschobene Normalisierung der Zentralbankpolitik ungesetzt werden soll.

Mit umsichtigen Zentralbanken und Energieengpässen, die zumindest nach gegenwärtiger Einschätzung vorrübergehender Natur sind, dürfte die Gefahr der Wiederholung der 70er mit langanhaltender Stagflation eher gering sein. Dennoch brauchen Anleger mittelfristig Geduld und kurzfristig immer wieder gute Nerven. Denn die Unruhe an allen Anlagemärkten wird uns noch länger begleiten.

Schwierige Wegsuche im Stroboskoplicht

Sägezahnmärkte in praktisch allen wichtigen Anlageklassen von Aktien und Anleihen dürften mindestens dieses Jahr weiter kennzeichnen. Zu viele Faktoren treffen mit schwer vorhersehbaren Wechselwirkungen aufeinander: der Kriegsverlauf und seine Auswirkungen, die Zinsschritte der Zentralbanken und die Zinserwartungen der Anleger, die steuerlichen Anreize und Subventionen durch die Staaten, die Auswirkungen einer Neuordnung von Lieferketten – um nur die wichtigsten zu nennen.

Investoren weltweit wird wie im Stroboskoplicht einmal dieser dann wieder ein anderer o.g. Aspekt in den Blick fallen. Mit nachfolgenden Reaktionen am Kapitalmarkt. In diesem Umfeld eine kontinuierliche Marktentwicklung in nachvollziehbarer Richtung zu erwarten, dürfte klarer Weise eine Illusion sein. Langfristig könnten Anleger bei Aktien zwar mit der neuen Ausganglage wieder bessere Perspektiven haben, kurz- bis mittelfristig wird man sich aber auf Aufs und Abs einstellen müssen.

Was tun als Anleger

Wenn sich Zentralbanken die 70er auch nicht zum Vorbild nehmen sollten, könnten sie zumindest für die Allokation Anhaltspunkte bieten. Wenngleich man nicht von einer Wiederholung einzelner Marktentwicklungen 1:1 ausgehen kann. Generell setzten damals zunächst lediglich Teile der Rohstoffanlageklassen und Gold als Diversifikatoren Kontrapunkte zu den großen Anlageklassen, die unter Druck gerieten.

Eine bereitere Diversifikation ist immer zu empfehlen. Auch Fondsanleger können mit geeigneten Fonds und ETFs eine Exponierung gegenüber Rohstoffen und Gold erreichen – als Beimischung und Beitrag zu einem gut diversifizierten Portfolio. Aktienanlegern können sich Chancen auf dem Ausgangpunkt der niedrigeren Kursniveaus bieten. Allerdings sind (weitere) Rückschläge zunächst einmal nicht ausgeschlossen. Doch langfristig – wenn man an dieser Stelle den Lehren aus der Geschichte der Krisen von Ölkrise, Dot-Com-Krise bis zu globaler Finanzkrise folgen möchte – haben sich krisenhafte Situationen immer als Gelegenheiten erwiesen, entscheidende Schritte für die eigene Kapitalbildung und finanzielle Vorsorge zu tun.

Wer als Berater mit und für Kunden keine Wetten auf den richtigen Einstiegszeitpunkt eingehen will, kann Sparpläne gezielt als Instrumente für einen Aufbau von Fondspositionen nutzen und dabei den Cost-Average-Effekt einsetzen. Wenn auch die Zentralbanken an Einfluss auf die Richtungsvorgabe für Anlagemärkte verloren haben und unstete Zeiten höchstwahrscheinlich weiterhin vor uns liegen, könnte gerade dieses Szenario langfristig interessante Chancen für alle Anleger bieten.

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