Die Inflation in Deutschland und den USA ist so hoch wie lange nicht. Nur eine vorübergehende Erscheinung, wie viele meinen? Oder werden uns höhere Inflationsraten als in den zurück liegenden Jahren länger begleiten? Auf jeden Fall rücken die Notenbanken wieder ins Zentrum des Interesses.

James Bullard gilt hierzulande nicht wirklich als A-Promi. Auch wenn der Präsident der Notenbank von St. Louis 2014 dem Economist zufolge der weltweit siebteinflussreichste Ökonom mit Blick auf die Medienwirkung war.1 Mitte Juni hat Bullard dennoch die Märkte gehörig aus dem Tritt gebracht – auch die hiesigen. Bullard sprach sich nämlich für eine Zinserhöhung in den USA bereits im Jahr 2022 aus. Dies wäre viel früher als die kurz zuvor von der US-Notenbank in Aussicht gestellten zwei Anhebungen gegen Ende 2023. Mit dem nach der Corona-Krise einsetzenden Aufschwung seien auch erhöhte Inflationsgefahren verbunden, begründet Bullard seine Überzeugung. Und da Bullard dem Federal Open Market Committee (FOMC) angehört, dem Entscheidungsgremium der US-Notenbank, hatte das Wirkkraft.

Das kommt jetzt immer häufiger vor: Spricht jemand über eine Leitzinsanhebung, zeigen die Aktienkurse sofort Wirkung. Ebenso, wenn höhere Inflationszahlen veröffentlicht werden, denn die könnten eine Leitzinserhöhung nötig machen. Und die Inflationsraten sind zuletzt kräftig gestiegen. In Deutschland hat die Inflation im Mai mit 2,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr den höchsten Stand seit fast zehn Jahren erreicht.2 Für das Gesamtjahr rechnet die Bundesbank nun mit 2,6 Prozent – mit möglichen Spitzen von 4 Prozent zum Jahresende.3 In den USA sind die Verbraucherpreise im Mai sogar schon um 5 Prozent gestiegen.4

Energiepreise treiben Teuerung seit Jahresbeginn (Grafik als Download verfügbar)

Quelle: Statistisches Bundesamt, Juni 2021.

Bei der Veröffentlichung der Inflationsraten für Mai 2021 verwies das Statistische Bundesamt allerdings darauf, dass der zugrundeliegende Verbrauchpreisindex bisher vor allem durch den Anstieg der Energiepreise getrieben wurde. Hier haben sich temporäre Sondereffekte erhöhend auf die Teuerungsrate ausgewirkt – insbesondere die zu Jahresbeginn eingeführte CO2-Abgabe sowie die niedrigen Preise für Energieprodukte vor einem Jahr (Basiseffekt). Ohne Energiekosten wären die Verbraucherpreise hierzulande nur um 1,8% im Vergleich zum Monat des Vorjahres gestiegen.2

Die große Frage, an der sich die Geister scheiden, ist daher zurzeit: Bleiben die Raten hoch, oder ist das nur ein vorrübergehender Effekt? Überwiegend Nachholeffekte nach den Lockdowns, Folge von Lieferengpässen, des Ölpreisanstiegs und – in Deutschland – wieder höherer Mehrwertsteuersätze und der neuen CO2-Emissionszertifikate?

Weidmann: „Keine Anhaltspunkte für hartnäckig hohe Inflation“

Unter den Notenbankern in Europa überwiegen die Anhänger des Kurzzeiteffekts: „Aus unserer Sicht ist der starke Preisanstieg in Deutschland vorübergehend, und es deuten sich in der mittleren Frist keine zu hohen Raten an“, erklärte jüngst Bundesbankpräsident Jens Weidmann. Er ist davon überzeugt: Eine hartnäckig überhöhte Inflation jenseits der allgemein als „Zielinflation“ angesehenen 2% würde unter anderem überschießende Lohnabschlüsse voraussetzen. „Dafür haben wir derzeit keine Anhaltspunkte.“5 Auch die Chefin der Europäischen Notenbank Christine Lagarde machte vor kurzem abermals deutlich, dass die EZB den jüngsten Inflationsanstieg als vorübergehend ansieht.6 Auch wenn die beiden in der Bewertung der Möglichkeiten der Rückkehr zu einer weniger laxen Geldpolitik deutlich differieren – ihre Einschätzung zur Inflation in der Eurozone deckt sich.

Mögliche längerfristige Inflationstreiber

Doch nicht alle Ökonomen sehen längerfristig die Inflationsgefahr gebannt. Ende 2020 machte der Ökonomie-Professor und langjährige Mitarbeiter der Bank of England, Charles Goodhart, mit der These Furore, dass die Inflation zurückkommt – durch Arbeitskräftemangel oder einen teilweisen Rückbau der globalen Arbeitsteilung, die anerkanntermaßen über viele Jahre disinflationierende Wirkung hatte.

Experten, die anhaltend erhöhte Teuerungsraten erwarten, haben auch aktuell noch immer einiges an Argumenten auf ihrer Seite: Die Konjunktur läuft in den USA schon fast wieder rund. Noch ist ein Lohndruck nicht zu erkennen, doch erste Engpässe am Arbeitsmarkt sind spürbar. Die Lohn-Preis-Spirale, die so mancher für ein Phänomen aus der Vergangenheit hielt, könnte durchaus wieder relevant werden. Gerade in den USA, wo die Löhne – besonders im anteilig starken Niedriglohn-Dienstleistungssektor – schon nach oben gegangen sind. Auch die Energiewende und die Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft könnte Produkte verteuern.

Zumindest zeitweise waren Inflationsängste in den USA kaum zu überhören. Janet Yellen, die frühere Fed-Chefin und jetzige US-Finanzministerin, meldete sich zu Wort und erwog öffentlich, ob höhere Zinsen womöglich ein sinnvolles Mittel zur Drosselung einer sich überhitzenden Wirtschaft seien. In Bezug auf Inflation will sie sich neuerdings aber doch nicht so eindeutig positionieren: Bis Jahresende erwartet sie nun eine Umkehr der Inflationsentwicklung in Richtung der als Stabilitätsziel angestrebten 2%.7

Inflation: Zum Vorteil für Regierungen und Unternehmen?

Den Regierungen und Unternehmen könnte übrigens eine leicht erhöhte Inflationsrate durchaus zu Pass kommen. Bei Inflation steigen nämlich nicht nur die Preise, sondern auch das nominale BIP stärker, und die Schuldenquote in den Staatshaushalten sinkt. Wie ja Inflation grundsätzlich den Schuldnern mehr als den Gläubigern nützt – entwertet sich das Geld, entwerten sich auch die Schulden. Und diese Logik gilt natürlich auch für Unternehmen, die ihre Schuldenlast in einem inflationären Umfeld leichter tragen können. Solche Überlegungen dürften sicher bei der derzeit sehr subtilen Kommunikation der FED eine Rolle spielen. Trotz einer Inflationsrate von 5 % werden bislang Zinsschritte erst ab 2023 in Aussicht gestellt. Wenn der Plan aufgeht, könnte dann ein höheres Zinsniveau die FED in künftigen Krisen wieder handlungsfähiger machen. Und auf dem Weg dahin würde die Wirtschaft nicht durch übereilte Zinsschritte abgewürgt.

Verschiedene Marktkräfte und Überlegungen greifen also ineinander: Dass es in deren Folge zu mittel- und längerfristig hoher Inflation kommen muss, ist aber nicht ausgemacht. Das Beispiel Japan zeigt, dass auch eine extrem expansive Geldpolitik, eine alternde Bevölkerung und enorme Staatsverschuldung (256 Prozent des BIP im Jahr 2020!8) nicht zu Inflation führen muss.

Preissteigerungsraten im Blick behalten

Für Anleger heißt das: nicht verrückt machen lassen, aber auch nicht fest davon ausgehen, dass es bei den niedrigen Inflationsraten der vergangenen Jahre bleibt. Es gilt also in jedem Fall, die Inflationsentwicklung im Blick zu behalten – und auf Signale in Richtung Zinsanhebung zu achten.

Wer davon überzeugt ist, dass es dauerhaft zu einer nennenswert höheren Inflation kommt, kann die Portfolios seiner Kunden anpassen. Zum Beispiel fahren sie mit Aktien in Zeiten mit gemäßigter Inflation in der Regel nicht schlecht. Denn meist steigen die Gewinne im Gleichklang mit der Inflation – zumindest bei Unternehmen, die höhere Preise auf der Kostenseite an ihre Kunden weiterreichen können.

An welchen fünf Stellschrauben Sie drehen können, wenn Sie Portfolios gegen Inflation wappnen wollen, lesen Sie hier.

Quellen:

1 The Economist, 03.01.2015.
2 Statistisches Bundesamt, 15.06.2021.
3 tagesschau.de, 11.06.2021.
4 Bureau of Labor Statistics USA, Juni 2021.
5 Handelsblatt, 18.06.2021.
6 Handelsblatt 21.06.2021.
7 Handelsblatt 24.06.2021.
8 IMF, April 2021.

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