Verteidigung dürfte sich zunehmend zu einer strategischen Kernallokation in Portfolios entwickeln. Diese Entwicklung wird durch politischen Konsens, strukturelle Angebotsengpässe sowie sich wandelnde ESG-Rahmenbedingungen getragen.
Politisch gestützt
Einer der zentralen Faktoren, die diesen Wandel vorantreiben, ist der hohe Grad an politischem Konsens in Europa hinsichtlich der Bedeutung von Verteidigungsinvestitionen. Der Wendepunkt lässt sich bis zur Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 zurückverfolgen, doch die sicherheitspolitische Neuausrichtung infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine im Jahr 2022 hat die politischen Prioritäten grundlegend verschoben.
Drei zentrale Veränderungen unterscheiden den aktuellen Zyklus von früheren Phasen. Erstens hat sich in mehreren EU- und NATO-Staaten ein breiter politischer Konsens zugunsten der Wiederaufrüstung herausgebildet, was sich laut Europäischem Rat in einem Anstieg der Verteidigungsausgaben der Mitgliedstaaten um 150 % zwischen 2020 und 2025 widerspiegelt. Zweitens vollzieht sich in der Fiskalpolitik ein Übergang von einer „Friedensdividende“ zu einer „Sicherheitsprämie“. Dies beschreibt den Wandel von der Zeit nach dem Kalten Krieg – geprägt durch relative geopolitische Stabilität, sinkende Verteidigungsbudgets und eine Verlagerung von Mitteln in Sozialprogramme und Infrastruktur – hin zur heutigen Situation, in der Regierungen bereit sind, eine Resilienzprämie zu zahlen, um Lieferketten zu sichern, Energiequellen zu diversifizieren und Infrastruktur gegenüber geopolitischen Risiken widerstandsfähiger zu machen. Drittens bestehen strukturelle Engpässe bei industriellen Kapazitäten, Interoperabilität und Lieferketten. In Europa betreffen diese insbesondere kritische Rohstoffe und Halbleiter, deren Verfügbarkeit unter anderem durch den Critical Raw Materials Act beziehungsweise den European Chips Act verbessert werden soll.
Während geopolitische Spannungen als zyklische Beschleuniger wirken und kurzfristig politischen Handlungsdruck sowie eine stärkere Abstimmung erzeugen, deuten die grundlegenden Treiber auf einen mehrjährigen, möglicherweise mehrere Jahrzehnte umfassenden Investitionszyklus hin.
Gestützt durch Veränderungen im ESG-Bereich
Auch Veränderungen im Finanzsektor haben diese Entwicklung zusätzlich unterstützt. Historisch wurde der Verteidigungssektor – insbesondere in Europa – aus ESG-Gründen weitgehend aus nachhaltigen Portfolios ausgeschlossen. Inzwischen ist jedoch ein deutlicher Wandel hin zu einem differenzierteren und pragmatischeren Ansatz zu beobachten. Institutionelle Investoren unterscheiden zunehmend zwischen kontroversen Waffen, die weiterhin ausgeschlossen bleiben, und konventioneller Verteidigung.
Zugleich setzt sich verstärkt die Auffassung durch, dass Verteidigung dem sozialen Pfeiler (dem „S“ in ESG) zuzuordnen ist, da nationale Sicherheit zunehmend als öffentliches Gut zum Schutz demokratischer Institutionen verstanden wird.
Gerade in Europa wird Verteidigung im regulatorischen und politischen Diskurs zunehmend als mit Nachhaltigkeitszielen vereinbar betrachtet, sofern eine solide Governance sowie strikte Exportkontrollen gewährleistet sind. Diese Entwicklungen haben zu einem verbesserten Kapitalzugang und niedrigeren Finanzierungskosten geführt.
Investitionschancen
Im Hinblick auf die Bewertung zeigt sich derzeit eine gewisse Streuung innerhalb des Sektors. Während viele Large-Cap-Verteidigungsunternehmen bereits neu bewertet wurden und mehrjährige Margenverbesserungen weitgehend eingepreist sind, liegen die Chancen vor allem bei Zulieferern der zweiten Reihe.
Darüber hinaus bieten spezialisierte Technologieunternehmen – insbesondere in den Bereichen Elektronik, Sensorik und Antriebssysteme – sowie Unternehmen in bislang unterinvestierten Segmenten wie Munition, Wartung und Instandhaltung sowie Landsysteme attraktive Opportunitäten.
Auch die breitere Wertschöpfungskette ist von hoher Relevanz. Cybersicherheit ist ein zunehmend zentraler Bestandteil moderner Verteidigung und stellt einen strukturellen Wachstumsmarkt dar, der weitgehend unabhängig von klassischen Konfliktzyklen ist. Künstliche Intelligenz und Softwarelösungen zur Unterstützung von Entscheidungsprozessen, Gefechtsfeldanalyse und autonomen Systemen werden vom Markt bislang noch unterschätzt. Halbleiter spielen im Verteidigungsbereich eine entscheidende Rolle für die strategische Autonomie, während die Luft- und Raumfahrt sowie Satelliteninfrastruktur essenziell für Aufklärung, Überwachung und sichere Kommunikation sind. All diese Bereiche zeichnen sich durch Dual-Use-Anwendungen und eine vergleichsweise geringe Marktsättigung aus.
Fortgesetzte Entwicklung?
Ob sich der Sektor langfristig zu einer strategischen Kernallokation entwickelt, hängt von der Fortsetzung bestimmter Trends ab. Zentrale Voraussetzung ist dabei ein nachhaltig höherer Pfad der Verteidigungsausgaben im Rahmen mehrjähriger Verpflichtungen, die auch konsequent umgesetzt werden.
Ebenso entscheidend ist eine stärkere Koordination auf europäischer Ebene. Der europäische Verteidigungssektor ist derzeit stark fragmentiert; ein verstärkter Fokus auf gemeinsame Beschaffung würde die Planbarkeit der Cashflows für Zulieferer erhöhen und damit Investitionen in Kapazitätserweiterungen sowie Forschung und Entwicklung erleichtern. Darüber hinaus könnte eine gemeinsame Beschaffung die Kosten senken und für eine effizientere Mittelverwendung sorgen. Gleichzeitig würde sie die Interoperabilität von Verteidigungssystemen verbessern und es verbündeten Staaten ermöglichen, Ausbildung und Einsätze effektiver zu koordinieren.
Schließlich müssen europäische Verteidigungsunternehmen nachhaltige Einnahmequellen entwickeln. Zwar bestehen derzeit umfangreiche Auftragsbestände, entscheidend ist jedoch, dass diese in den Ausbau industrieller Kapazitäten und in ein dauerhaftes Margenwachstum überführt werden.
Ein fortlaufender Prozess
Der europäische Verteidigungssektor dürfte sich als strategische Kernallokation in institutionellen Portfolios etablieren, sofern er weiterhin durch politischen Willen, fiskalische Verpflichtungen und sich weiterentwickelnde ESG-Rahmenbedingungen gestützt wird. Trotz bestehender Risiken spricht das aktuelle geopolitische Umfeld dafür, dass diese Treiber auch künftig Bestand haben werden.
Autor:
Johan Van Geeteruyen, Head of Institutional Portfolio Management
Anlageprodukte:
DPAM L Equities Europe Defence (LU3076252298)

Als Teil der Indosuez Wealth Management Group bietet DPAM aktive, nachhaltige Asset-Management-Dienstleistungen, die auf internem Research basieren. Die auf Überzeugungen gestützten Anlageentscheidungsprozesse von DPAM integrieren fundamentale Finanz- und ESG-Analysen. Fortschritt schafft Chancen – DPAM strebt eine langfristige Outperformance und ein Wachstum an, das sowohl den Anlegern als auch der Gesellschaft zugutekommt. Mit einem engagierten Team von mehr als 200 hochqualifizierten Fachleuten verwaltet DPAM Publikumsfonds sowie diskretionäre Mandate im Auftrag institutioneller und professioneller Kunden, Finanzintermediäre und Vertriebsgesellschaften mit einem Gesamtvolumen von 51,7 Milliarden Euro (Stand: 31. Dezember 2025).
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