Wer Analystenkommentare verfolgt, kennt die wiederkehrende Frage: Erlebt Value-Investing endlich ein Comeback? Ein Blick zurück zeigt, der eigentliche Wendepunkt kam nicht erst mit der Zinswende 2022, sondern war bereits im Herbst 2020 zu beobachten.
Der lange Winterschlaf von Value
Um die These vom frühen Wendepunkt einzuordnen, muss man sich zunächst die vorangegangene Durststrecke vor Augen führen. Seit der globalen Finanzkrise 2008/2009 hatten Value-Aktien fast durchgehend das Nachsehen gegenüber Wachstumswerten. Ein entscheidender Treiber dafür war die über Jahrzehnte fallende Anleiherendite: Je niedriger der Diskontierungssatz für zukünftige Gewinne, desto wertvoller erscheinen Unternehmen, deren Erträge größtenteils erst in ferner Zukunft (oder eventuell gar nie) anfallen.
Klassische Value-Titel hingegen, deren Wert sich stärker aus heutiger Ertragskraft und laufenden Ausschüttungen speist, gerieten dadurch strukturell ins Hintertreffen.
Die Corona-Pandemie verschärfte diesen Trend zunächst massiv. Lockdowns trafen klassische Value-Sektoren besonders hart, während Technologiewerte von der Digitalisierung des Alltags profitierten. Bis in den Herbst 2020 hinein erreichte die Bewertungsschere zwischen Growth und Value historische Ausmaße.
Der Wendepunkt: 9. November 2020
Als symbolisches Datum für den Beginn der Value-Renaissance gilt oft der 9. November 2020. An diesem Tag veröffentlichte Pfizer erste vielversprechende Daten zu seinem COVID-19-Impfstoff – und löste damit die größte tägliche Renditedifferenz zwischen Value- und Growth-Aktien seit Beginn entsprechender Datenerhebungen 1993 aus, klar zugunsten der Value-Titel. Plötzlich rückte ein Ende der Pandemie in greifbare Nähe, und Anleger begannen, konjunktursensible, bislang abgestrafte Value-Sektoren neu zu bewerten.
Dieser Moment war kein Strohfeuer, sondern der Auftakt zu einer grundlegenderen Verschiebung: 2021 begannen die Inflationserwartungen zu steigen, die Anleiherenditen kletterten aus ihrem jahrzehntelangen Abwärtstrend heraus – und genau das ist historisch das Umfeld, in dem Value-Aktien ihre Stärken ausspielen.
Die Zinswende 2022 als Beschleuniger
Was 2020 begann, bekam 2022 zusätzlichen Rückenwind. Mit der aggressiven Zinswende der Notenbanken erlebten hoch bewertete Wachstumswerte eine schwere Korrektur, während Value-Titel deutlich robuster blieben. Der Mechanismus dahinter ist derselbe wie beim Abstieg von Value in den 2010er-Jahren – nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Steigende Zinsen erhöhen den Diskontierungsfaktor für weit in der Zukunft liegende Gewinne und belasten damit Growth-Bewertungen überproportional.
Kein geradliniger Verlauf
Wichtig für ein ehrliches Bild: Die Renaissance verlief seither keineswegs linear. Der KI-Boom ab 2023 sorgte dafür, dass große Technologiewerte erneut stark aufholten und Growth-Indizes wieder die Nase vorn hatten. Auch für 2025 zeichnen unterschiedliche Datenquellen ein gemischtes Bild: Während breite Style-Indizes wie S&P 500 Growth/Value oder Russell 1000 Growth/Value für 2025 erneut eine Growth-Outperformance zeigen, weisen andere Analysen – etwa Faktor-Indizes von Vermögensverwaltern – für dasselbe Jahr eine Value-Outperformance in den USA und Europa aus, getragen unter anderem von Rohstoffwerten etc. Diese Diskrepanz zeigt, wie stark das Ergebnis von der gewählten Methodik (Marktkapitalisierung vs. Faktor-Ansatz) und dem betrachteten Zeitraum abhängt.
Die Gezeitenwende bei den Cashflows der Tech-Giganten
Ein weiteres, sehr aktuelles Argument für eine anhaltende bzw. sich verstärkende Value-Renaissance liefert ein Blick auf die Finanzierungs-Cashflows der grossen US-Hyperscaler (Microsoft, Amazon, Alphabet, Meta, Oracle).
Quelle: Bllomberg Finance L.P.
Die Grafik zeigt den quartalsweisen Cashflow aus Finanzierungstätigkeit dieser Unternehmen. Balken im negativen Bereich bedeuten, dass die Konzerne in dieser Zeit laufend Kapital an ihre Aktionäre zurückgeführt haben – etwa über Aktienrückkäufe und Dividenden. Genau das war über weite Strecken von 2017 bis Ende 2025 der Fall: Die Hyperscaler agierten als Netto-Kapitalgeber an die Märkte.
Ende 2025 hat sich dieses Bild jedoch deutlich gedreht. Seither weisen die Tech-Giganten einen stark positiven Cashflow aus Finanzierungstätigkeit aus – ein Hinweis darauf, dass sie inzwischen selbst in erheblichem Umfang frisches Kapital aufnehmen, um ihren enormen Investitionsbedarf (u. a. für KI-Infrastruktur und Rechenzentren) zu decken. Diese Umkehrung ist bemerkenswert: Unternehmen, die jahrelang Kapital aus dem Markt abgezogen haben, treten nun selbst als Nachfrager nach Kapital auf. Historisch war ein hoher Finanzierungsbedarf großer Wachstumsunternehmen häufig ein Signal dafür, dass sich die relative Attraktivität zwischen kapitalhungrigen Wachstumswerten und kapitalstarken, Cashflow-generierenden Value-Titeln zu verschieben beginnt – ein zusätzliches strukturelles Argument dafür, dass die 2020 begonnene Value-Renaissance an Substanz gewinnen kann.
Ein Fonds, der diese Entwicklung bereits nutzt
Bemerkenswert ist zudem, dass der SIA Long Term Investment Fund Classic (WKN: A0JD7E) seit Juli 2020 die globalen Aktienindizes deutlich übertreffen konnte – bei einem maximalen US-Aktienanteil von lediglich 13 % und ohne Engagement in den sogenannten Hyperscaler.
Performancevergleich seit Juli 2020 – deutliche Outperformance des LTIF Classic
Quelle: Bloomberg, Stand: 06. August 2026
Fazit
Wie gezeigt, hat die Value-Renaissance bereits im Sommer/Herbst 2020 begonnen. Aus unserer Sicht dürfte sich dieser Trend fortsetzen: Der wachsende Kapitalbedarf der Hyperscaler einerseits und der ungelöste Konflikt mit dem Iran andererseits sprechen dafür, dass die Energiepreise – und damit die Inflation – auf absehbare Zeit erhöht bleiben. In einem solchen Umfeld gewinnen Value-Titel historisch an relativer Attraktivität gegenüber Wachstumswerten. Entsprechend erachten wir es als angezeigt, Value-Strategien wie dem LTIF Classic (WKN: A0JD7E) wieder verstärkt Beachtung zu schenken.
Autor:
Alex Rauchenstein, Mitglied Investmentkomitee und Verwaltungsrat, SIA Long Term Investment Fund (SIA Asset Management)
Anlageprodukte:
SIA Long Term Investment Fund - Classic EUR (LU0244071956)

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