Jetzt kaufen, später zahlen („Buy Now. Pay Later“ – BNPL): Akteure wie Klarna, Afterpay oder Affirm haben beim E-Commerce-Einkaufen in Corona-Zeiten Rückenwind bekommen. Was unterscheidet sie von Kreditkarten und worin liegt ihre disruptive Kraft?

In den letzten zwei Jahren hat sich im Zahlungsverkehrssektor einiges getan. Infolge der COVID-Pandemie haben wir einen bedeutenden Einsatz von kontaktlosen Zahlungen und einen großen Schritt in Richtung Omni-Channel-Commerce erlebt. Darüber hinaus haben wir den beeindruckenden Aufstieg eines neuen Phänomens miterlebt: Jetzt kaufen, später zahlen bzw. „Buy Now. Pay Later“ – BNPL.

Was bedeutet „Buy Now Pay Later“ (BNPL)?

Wie der Name bereits andeutet, ist BNPL eine Zahlungsmethode, die es dem Verbraucher ermöglicht, etwas zu kaufen und später in mehreren Raten zu bezahlen. Es gibt zwei allgemeine Kategorien von BNPL: Die erste Kategorie, die am weitesten verbreitet ist, konzentriert sich auf Ratenzahlungen, bei denen der Zahlungsbetrag innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums (einige Wochen) ohne Zinskosten zurückgezahlt wird. Die gebräuchlichsten Formen von Ratenzahlungen in dieser Kategorie sind Zahlungen in 4 bzw. 3 Raten. Die wichtigsten Akteure in diesem Bereich sind Klarna und Afterpay. Bei der zweiten Kategorie werden die Raten über einen längeren Zeitraum (einige Monate) zurückgezahlt. Diese zweite Kategorie ist dem traditionellen Kreditgeschäft sehr ähnlich – und den Kunden entstehen Zinskosten. Die wichtigsten Akteure in diesem Bereich sind Klarna und Affirm.

Im Vergleich zu Kreditkarten besteht der Hauptunterschied von BNPL darin, dass für die aufgeschobene Zahlung keine Zinskosten anfallen. Zudem wird die Kreditwürdigkeit der Kunden durch einen kurzfristigen Kredit nicht beeinträchtigt. In der Tat führen BNPL-Unternehmen in der Regel keine Kreditprüfung bei Kreditbüros durch, um die Finanzierung zu bewilligen. Anstatt formale Kreditprüfungen durchzuführen, steuern BNPL-Unternehmen ihr Kreditrisiko, indem sie den Nutzer dazu bringen, die Fähigkeit zu erwerben, die Plattform in größerem Umfang zu nutzen. Vielmehr wird dem Verbraucher zunächst eine Kreditbewilligung über einen geringen Betrag erteilt. Diese Bewilligung kann zu einem späteren Zeitpunkt erhöht werden, sofern er die Raten fristgerecht zurückzahlt. Dieser lockere Ansatz bei der Bonitätsprüfung wird durch die laxe Regulierung der Branche begünstigt.

„Zinsloses Darlehen“ – wo ist der Haken?

Stellt man die Frage, wie es BNPL-Unternehmen gelingt, ihre Ausgaben ohne Zinsbelastung zu decken, ist die Antwort einfach: Die Einzelhändler zahlen eine direkte Gebühr an den BNPL-Anbieter für die Annahme dieser Zahlungsmethode an ihrem Verkaufsort (vergleichbar mit dem Händlerrabatt bei einer herkömmlichen Kartenzahlung). Bei BNPL liegt diese Gebühr zwischen 2 % und 6 % und ist damit etwas höher als die Gebühr, die der Einzelhändler für die Annahme einer Kredit- oder Debitkartenzahlung zahlen würde. Diese Gebühren machen 70 % - 85 % der Einnahmen der meisten herkömmlichen BNPL-Unternehmen aus. Für den Einzelhändler ist es trotz der höheren Gebühren ein interessantes Angebot, da Verbraucher, die BNPL als Bezahloption nutzen, in der Regel größere Warenmengen kaufen. Ferner ist der Umrechnungskurs bei BNPL-Transaktionen höher als bei herkömmlichen Zahlungsmitteln. Dies ist von entscheidender Bedeutung, da der Umrechnungskurs im Bereich des elektronischen Geschäftsverkehrs ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Einzelhändler ist. Zudem gibt Anzeichen für mehr Wiederholungskäufe, mehr Transaktionen und niedrigere Kundenakquisitionskosten. Einzelhändler nutzen BNPL-Plattformen in der Regel als wirksames Werbeinstrument, um für ihre Produktpalette zu werben.

BNPL-Unternehmen erheben nicht nur eine Gebühr vom Händler, sondern auch Verzugszinsen von Verbrauchern, die ihre Raten nicht rechtzeitig zurückzahlen. Bei Afterpay macht dies etwa 10 % der Einnahmen aus und ist ein weiteres Instrument, das BNPL-Unternehmen für das Management ihres Kreditrisikos sowie ihrer Kreditausfälle nutzen.  Und schließlich nehmen die BNPL-Unternehmen zusätzliche Gebühren ein, indem sie Kunden direkt von ihren Plattformen auf die Webshops der Einzelhändler verweisen und dabei das starke Engagement ihrer Nutzerbasis nutzen.

Der Schlüssel zum Erfolg von BNPL

BNPL ist eine besonders schnell wachsende Checkout-Kategorie, die laut dem Global Payments Report von Worldpay von 1,6 % der weltweiten E-Commerce-Transaktionen im Jahr 2019 auf 2,4 % im Jahr 2020 angestiegen ist. Bis 2024 soll sich sein Anteil am weltweiten E-Commerce-Volumen auf 4,2 % praktisch verdoppeln, was einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von über 30 % gegenüber 2020 entsprechen würde.

Bemerkenswert ist, dass BNPL in einigen Bereichen bereits weit mehr als 2,4 % des E-Commerce-Volumens ausmacht. Dies ist der Fall in Australien, Schweden und Deutschland, wo BNPL 10 %, 23 % bzw. 19 % der E-Commerce-Checkout-Käufe ausmacht. Klarna hat seinen Sitz in Schweden, während Australien der Sitz von Afterpay ist. Dies könnte eine Erklärung für den Erfolg von BNPL sein. Hingegen ist man in Deutschland seit jeher zurückhaltender bei der Nutzung von Kreditkarten im Allgemeinen. Diese Länder zeigen, dass BNPL in absehbarer Zeit einen großen Teil der Online-Checkout-Käufe ausmachen könnte, was die Wachstumsaussichten des Marktes untermauert.

Auch in der Offline-Welt gibt es BNPL als Zahlungsmethode. Sie kommt aber derzeit nur bei einem kleinen Teil der Checkout-Zahlvorgänge zum Einsatz. Trotz seines starken Wachstums deckt BNPL lediglich 0,2 % des gesamten Zahlungsaufkommens ab und ist damit nach wie vor ein Nischensegment in dem riesigen Zahlungsmarkt (37 Billionen US-Dollar im Jahr 2020).

Führt man sich das starke Nutzenversprechen vor Augen, das BNPL seinen Kunden bietet, ist die derzeitige Attraktivität dieser Plattformen keine große Überraschung. Abgesehen davon, dass keine Zinsen anfallen, stellt BNPL im Vergleich zu Kreditkarten eine sehr einfache und transparente Lösung ohne versteckte Gebühren – ein häufig geäußerter Kritikpunkt bei Kreditkartendarlehen – dar.

Mit Blick auf den Wert, den der Markt Afterpay zuschreibt (26,6 Mrd. US-Dollar bei einem Nettoumsatz von 506 Mio. US-Dollar im Geschäftsjahr 2021) und der letzten Bewertungsrunde von Klarna (45,6 Mrd. US-Dollar im Juni 2021), wird nach Auffassung der Marktteilnehmer deutlich, dass diese Branche auch in Zukunft robuste und rentable Zuwachsraten verzeichnen wird.

Welche Auswirkungen hat BNPL auf die traditionelle Zahlungsverkehrsbranche?

BNPL wird häufig als eine Online-Alternative zu Kartenzahlungen gesehen. Der Großteil der BNPL-Transaktionen erfolgt jedoch weiterhin über herkömmliche Kartenschienen. Es verlagert lediglich das Online-Volumen von Kredit- auf Debitkarten, was bedeutet, dass die Auswirkungen von BNPL auf die globalen Netze (z. B. VISA und MasterCard) und die Acquirer (z. B. Worldline, WorldPay usw.) begrenzt sind.

Dabei ist es sinnvoll, die Transaktionsströme zu unterteilen. Vorgelagerte Zahlungen sind solche, die von BNPL-Anbietern an Einzelhändler geleistet werden. Die meisten BNPL-Anbieter betreiben tiefer gehende, direkte Integrationen bei Händlern, um z. B. Lagerhaltungseinheiten (SKUs) / Produktdaten und Versanddetails abzurufen. Dank dieser direkten Verbindung können sie Händler sofort über Automated Clearing House (ACH)-Schienen bezahlen. Händler-Acquirer und traditionelle Netze scheinen in diesem Szenario von BNPL-Anbietern übergangen zu werden. Wenn jedoch BNPL-Anbieter nicht über eine direkte Verbindung verfügen, wird eine einmalige virtuelle Karte zur Bezahlung des Händlers ausgestellt. In diesem Fall erzielen die Kartennetze und die Acquirer vergleichbare wirtschaftliche Erträge mit den Karten.

Nachgelagerte Zahlungen sind die Zahlungen der Kunden an den BNPL-Anbieter. Der Kunde entscheidet, wie er seine Raten zurückzahlen will. Wenn der Kunde beschließt, seine Debitkarte (was bei 90 % der Kunden der Fall ist) oder seine Kreditkarte mit der BNPL-Plattform zu verknüpfen, verdienen die Netze und die Händler-Acquirer an vergleichbaren Kartenkosten. Dabei werden sie nicht übergangen. Aktuell gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass die Anbieter von BNPL ihre Kunden erfolgreich davon überzeugen oder es ihnen tatsächlich ermöglichen, ihre Bankkonten direkt mit der BNPL-Plattform zu verknüpfen. Sollten BNPL-Akteure ihr Potenzial zur Verknüpfung von Bankkonten ausbauen (> offene Banking-Aktivitäten), könnte langfristig ein geschlossener Kreislauf durch Einzugsermächtigungen entstehen.

Die Wallet-Akteure PayPal und Square haben das Potenzial von BNPL im Bereich des e-Commerce eindeutig erkannt, um ihre zweigleisigen Netze weiter auszubauen. Square erwarb AfterPay für 29 Milliarden US-Dollar, um sein Online-Engagement und seine internationale Präsenz zu erhöhen und sich auf größere Händler zu konzentrieren. Auch hier sehen wir keine nennenswerten Bedrohungen für den geschlossenen Kreislauf des Zahlungssystems. Square ist nach wie vor auf die USA ausgerichtet und verarbeitet nur 1 % des gesamten Handels (Point of Sales und E-Commerce). Die Cash App des Anbieters wird vorwiegend für Peer-to-Peer-Transaktionen und nicht für die Bezahlung von Händlern verwendet. PayPal brachte sein eigenes BNPL-Angebot auf den Markt und erwarb den japanischen BNPL-Anbieter Paidy für 2,7 Milliarden US-Dollar. Diese Angebote zielen darauf ab, den Nutzern des PayPal-Wallet einen Mehrwert zu bieten und gleichzeitig das Wertversprechen gegenüber Händlern zu stärken. Die meisten PayPal-Nutzer (60 %) verknüpfen Wallet-Konten mit Kredit- und Debitkarten. Andere verknüpfen ihr Bankkonto oder bezahlen Transaktionen über gespeicherte Guthaben. Zudem ist PayPal derzeit nicht damit befasst, aktiv irgendwelche Kreisläufe zu schließen. PayPal bevorzugt nach wie vor den „Hand-in-Hand“- bzw. Partneransatz innerhalb des breiten und dynamischen Zahlungsökosystems. Langfristig könnte PayPal jedoch aggressiver auftreten, indem es die Kunden zu anderen Finanzierungsquellen als der Karte drängt oder erfolgreich direkte Einzahlungen einführt. Letzteres setzt voraus, dass die Wallet-Nutzer PayPal gestatten, automatisch einen bestimmten Prozentsatz ihres Gehalts auf ihr PayPal-Wallet-Konto zu überweisen.

Fazit:

BNPL ist eindeutig zu einer nicht mehr wegzudenkenden Zahlungsoption im Online-Zahlungsverkehr geworden. BNPL bietet einen sehr interessanten und disruptiven Ansatz für das Segment der kurzfristigen Verbraucherkredite. Im Laufe der Zeit könnte sich BNPL (zumindest theoretisch) negativ auf das etablierte Zahlungssystem auswirken, sollte sich BNPL für einen geschlossenen Kreislauf entscheiden. Derzeit kooperiert es jedoch eng mit den Netzen und den Acquirern, um einen wachsenden Markt zu schaffen, und steht daher eher für eine Vergrößerung des gesamten verfügbaren Marktes als für eine Bedrohung.

Von Pieter-Jan De Meyer und Eros Portillo Spetaliere, Buy-side Equity Analysts bei DPAM

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