„Künstliche Intelligenz findet nur im Silicon Valley statt“, schien bis vor kurzem ein Fakt. Doch während die USA Software und KI-Modelle liefern, hat sich in den Emerging Markets eine Macht formiert, ohne die die KI-Revolution stillstehen würde.
In den vergangenen zwei Jahren dominierte ein Narrativ die Portfolios vieler Anleger: „Künstliche Intelligenz (KI) findet nur im Silicon Valley statt.“ Wer an Wertschöpfung teilhaben wollte, investierte deshalb in die sogenannten „Magnificent Seven“ – jene sieben US-Technologie-Giganten, die den Markt lange Zeit fast im Alleingang nach oben trieben (übrigens auch am Anleihemarkt).
Doch 2026 sieht das Bild differenzierter aus. Während die Vereinigten Staaten die Software und die prominentesten KI-Modelle wie ChatGPT und Gemini liefern, hat sich in den Schwellenländern (Emerging Markets) eine Infrastruktur- und Anwendungsmacht formiert, ohne die die globale KI-Revolution schlichtweg stillstehen würde.
Die verborgenen Giganten Asiens
Vor allem wenn wir über die Hardware-Basis der KI sprechen, führt kein Weg an Asien vorbei. An vorderster Stelle steht die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC). Etwa neun von zehn der Hochleistungs- oder Logikchips, die weltweit für KI-Berechnungen eingesetzt werden, stammen aus ihren Fabriken.1
Besonders sichtbar ist die Rolle Asiens in der KI auch am Aufstieg Südkoreas. Der KOSPI-Index, der Aktienleitindex des Landes, wurde zuletzt fast ausschließlich von zwei Unternehmen getragen: Samsung Electronics und SK Hynix. Beide sind zentrale Bausteine der globalen KI-Infrastruktur. SK Hynix ist Weltmarktführer bei sogenannten High-Bandwidth-Memory-Chips, die für KI-Server unverzichtbar sind. Samsung wiederum kombiniert Speicherchips, Foundry-Kapazitäten und eigene KI-Anwendungen. Gemeinsam stellen diese beiden Unternehmen inzwischen rund 40 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung des KOSPI.2
In China haben Firmen wie Alibaba und Baidu eigene Ökosysteme geschaffen, die trotz (US-)Handelsbeschränkungen bei der Entwicklung lokaler Sprachmodelle und autonomer Systeme führend sind. Der Name „DeepSeek“ und mit ihm der Schrecken, der Investoren wegen dieses anscheinend wesentlich günstigeren Modells Anfang 2025 in die Glieder fuhr, sind nicht vergessen.
In Brasilien und Saudi-Arabien entsteht wiederum ein anderer KI-Schwerpunkt: Infrastruktur. Brasilien profitiert von einem Strommix, der zu rund 90 Prozent aus erneuerbaren Energien besteht – ein entscheidender Vorteil für energieintensive Rechenzentren. Saudi-Arabien investierte im Rahmen seiner „Vision 2030“ vergangenes Jahr rund 15 Mrd. US-Dollar in Rechenzentren, Cloud-Kapazitäten und digitale Infrastruktur.1
Marktkapitalisierung: Aufholjagd der Schwellenländertitel
Trotz ihrer Bedeutung sind die großen KI-Akteure aus den Schwellenländern im Rennen mit US-Tech-Giganten deutlich hinterher. Während Nvidia, Alphabet oder Apple jeweils Marktkapitalisierungen von über drei Billionen US-Dollar erreicht haben, hat der Wert von TSMC erst weniger als die Hälfte dessen erreicht (Stand 18. März, s. Grafik 1). Die Grafik veranschaulicht auch, wo das bestkapitalisierte deutsche Unternehmen in diesem KI-Rennen liegt.
Die Größenordnung ist nicht vergleichbar – die strategische Rolle jedoch schon: Ohne Speicherchips, Halbleitermaterialien, Energie und Rechenzentren aus Asien, Lateinamerika und dem Nahen Osten wäre das globale KI-Wachstum kaum möglich.
Die größten Unternehmen der Welt, gemessen an ihrer Marktkapitalisierung
Quelle: Table.Briefing, 18. März 2026: „So grundlegend verändert KI das Geschäftsmodell von SAP“
Indien: globales Labor der KI-Anwendungen für den Massenmarkt
Indien verfolgt einen anderen Ansatz. Das Land ist zwar weder führend bei Hochleistungschips noch beim Training großer KI-Modelle, investiert aber massiv in die praktische Anwendung von KI. Die Regierung kündigte auf dem KI-Gipfel in Neu-Delhi im Februar Infrastrukturinvestitionen großer US- und indischer Firmen an, die sich zusammen auf fast 200 Mrd. US-Dollar belaufen sollen.3
Indiens Stärke liegt in der Skalierung: KI-gestützte Assistenten für Millionen Milchbauern, Apps zur Ernteanalyse oder Chatbots für Bewerbermanagement zeigen, wie KI in einem riesigen Binnenmarkt eingesetzt wird. Gleichzeitig positioniert Indiens Premierminister Narendra Modi sein Land geopolitisch als Fürsprecher einer menschenzentrierten KI und fordert, KI müsse ein „globales Gemeingut“ werden.
Für Anleger bedeutet das: Indien ist weniger ein KI-Hardware-Standort, sondern ein enormer Wachstumsmarkt für KI-Anwendungen, digitale Infrastruktur und IT-Dienstleistungen.
Länder in den G20 mit der stärksten KI-Dynamik weltweit
Quellen: 2026 Stanford Human-Centered Artificial Intelligences AI Index, Global AI Vibrancy Rankings 2024 (aktuellste verfügbare Daten der G20-Länder)
Können Privatanleger von diesen Entwicklungen profitieren?
Ja – aber selektiv. Schwellenländer sind heute makroökonomisch stabiler als noch vor wenigen Jahren: Solidere Staatsfinanzen, unabhängigere Zentralbanken und stabile Wachstumsraten von rund vier Prozent in den vergangenen Jahren schaffen ein robustes Fundament. 2025 flossen rund 63 Mrd. US-Dollar in Aktien und Anleihen aus den Schwellenländern. Viele internationale Portfolios sind weiterhin untergewichtet in den Emerging Markets.4
Künstliche Intelligenz – das wird immer offensichtlicher – ist keine reine US-Erfolgsgeschichte mehr. Während die USA die Visionen und Software liefern, stellen Länder wie Taiwan und Südkorea die „Schaufeln“ für den Goldrausch bereit, und Indien liefert die Blaupause für die praktische Anwendung im Massenmarkt. Themen-ETFs und aktive Fonds bilden diese KI-Wertschöpfungskette bereits ab.
Fazit
Die globale KI-Wertschöpfung ist heute breiter verteilt, als es die Dominanz der US-Tech-Riesen vermuten lässt. Schwellenländer spielen eine zentrale Rolle – nicht bei den Modellen selbst, sondern bei den Grundlagen: Chips, Energie, Infrastruktur und massentaugliche Anwendungen. Für Anleger entsteht damit ein neues, vielschichtiges Chancenfeld, das jedoch eine sorgfältige regionale Auswahl erfordert. Wer die unterschiedlichen Rollen der Länder versteht, kann frühzeitig von der nächsten Phase der KI-Entwicklung profitieren.
Quellen:
1 Das Investment, „Wie sich die globale KI-Wertschöpfung verteilt“, 11.03.2026
2 www.economist.com, „Will South Korea’s epic bull market survive the energy shock?", 17.03. 2026
3 www.handelsblatt.com, „Das steckt hinter Deutschlands KI-Pakt mit Indien", 20.02.2026
4 Das Investment, „Neue Perspektiven für Schwellenländeranlagen", 16.03.2026
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