Angesichts der fortschreitenden De-Globalisierung und Tendenzen zum Re-Shoring verliert der Export als Wirtschaftstreiber an Bedeutung: Der Umbau der globalen Wirtschaftsordnung fordert neue Orientierung – auf Unternehmensseite und in den Anlageportfolios.

Wer erinnert sich noch an die Jubelorgien in der deutschen Medienlandschaft zu Beginn des Jahrtausends? 2005 war ein besonderes Jubeljahr: „Wir sind Papst!“ und „Deutschland ist zum dritten Mal in Folge Exportweltmeister“ tönte es.1 Insgesamt fünfmal sollte Deutschland den Titel verteidigen – bis 2008. Längst rangiert Deutschland inzwischen mit Abstand an dritter Stelle, deutlich hinter den USA und natürlich China. „Nur“ noch 6,65% der globalen Exporte gehen auf das Konto Deutschlands, während die USA für 8,29% und China für 14,43% stehen.2

Doch „Exportweltmeister“ könnte womöglich ohnehin kein erstrebenswerter Titel mehr sein. Denn die Struktur der Weltwirtschaft und der Wertschöpfungsketten ändert sich – nicht erst seit Corona.

Exporte verlieren Bedeutung als BIP-Treiber

Dass die Bedeutung des Exports für die globale Wirtschaft nachlässt, lässt sich an konkreten Zahlen belegen. Während der letzten Dekade bis zum letzten abgeschlossenen Wirtschaftsjahr (2022) wuchsen sie nur schwach stärker als das globale BIP. Über die zwei Jahrzehnte zuvor von 1990 bis 2010 waren sie noch ein echtes Zugpferd mit einer fast doppelten Wachstumsdynamik im Vergleich zur Wirtschaftsleistung (siehe Grafik).

Globale Exporte vs. globales BIP: Das Bild wandelt sich (Grafik auch zum Download verfügbar)

Wachstum von Exporten und Wirtschaftsleistung in %

Die Grafik zeigt das Wachstum der globalen Exporte (+338%) im Vergleich zum globalen BIP-Wachstum (+194%) im Zeitraum von 1990 bis 2010. Von 2010 bis 2022 lagen Exporte und BIP im Wachstum fast gleichauf (+63% zu +51%).

Quellen: Internationaler Währungsfonds/Statista, Oktober 2023; UNCTAD/Statista, April 2023. Darstellung FFB

 

De-Globalisierung auf dem Vormarsch

Betrachtet man die wirtschaftspolitische Agenda in den beiden größten Volkswirtschaften USA und China, dürfte sich die Struktur in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch grundlegender wandeln. Denn ganz unabhängig von temporären Störfaktoren für den Welthandel wie Corona verfolgen beide Schwergewichte Strategien, die auf eine Verlagerung der Wertschöpfungsketten ins eigene Land hinauslaufen.

China will mittelfristig unabhängig von Importen werden. Die Dual-Circulation-Strategie (soll die Säule der internen Nachfrage stärken und wurde vom chinesischen Politbüro zuerst im Mai 2000 erwähnt)3 und die Made-in-China-2025-Strategie deuten beide in Richtung Autarkie. Es ist nach Daten des Internationalen Währungsfonds ein Trend ablesbar, dass Vorleistungen zunehmend im Land selbst hergestellt werden, die zuvor importiert wurden.4

In den USA hat Präsident Biden zwar freundlichere Worte gewählt als sein Vorgänger Trump, aber die deutlich protektionistische America-First-Wirtschaftspolitik der Sache nach fortgesetzt. Und: Ginge man von den derzeitigen Umfrageergebnissen aus, könnte Bidens Nachfolger wieder Donald Trump heißen. Einer seiner einflussreichsten wirtschaftlichen Berater ist Peter Navarro. Er hat schon einmal seine Idee zum Protektionismus dargelegt: 10% Zölle auf alle Importe und Durchsetzung eines Prinzips der Reziprozität – d.h. Zölle, die ein Exporteur beim Import von US-Waren erhebt, werden gespiegelt, sofern sie über 10% hinausgehen.5 Wenn diese Pläne Realität würden, wäre die Wirkung kaum zu überschätzen. Die derzeitigen Zölle beim Export in die USA liegen deutlich unter 5%. Und in die „Falle“ der Reziprozität könnten gerade die Europäer tappen, die den Agrarbinnenmarkt in Teilen mit Zöllen bis zu über 30 % schützen.6

Keine Einbahnstraße: Die Verschiebung von Exporten zu Direktinvestitionen

Das Klima für den Export wird schwieriger, soviel scheint festzustehen. Unternehmen mit globalen Absatzmärkten dürften noch deutlicher ihre Strategien anpassen und direkt in Produktionskapazitäten im Zielland investieren, um sich unabhängiger von den Zollrisiken zu machen. Schon lange unterhalten z. B. europäische Unternehmen wie BMW (Spartanburg) oder auch VW (Chattanooga) zunehmend ausgebaute Produktionsstätten in den USA.

Doch die Verschiebung zu Direktinvestitionen in Produktion vor Ort ist keine Einbahnstraße: So konnten wir auch in Deutschland zunehmend die Eröffnung von Produktionsstätten ausländischer Hersteller in Deutschland sehen. Prominente Beispiele sind die Werke von Tesla in Grünheide oder die geplante Investition von 30 Mrd. Euro von Intel in seine Chipfabrik in Magdeburg.7

Re-Shoring verändert die Struktur der Weltwirtschaft

Re-Shoring, also die Umgestaltung der Wertschöpfungsketten im globalen Maßstab, wurde auch von unseren Kapitalmarktstrategen Carsten Roemheld bei seinem Vortrag im Rahmen der Roadshow FFB Fondsgespräche live 2023 als eines der wichtigsten langfristig wirksamen Investitionsthemen benannt. Denn Re-Shoring hat das Potenzial das Gesicht der globalen Wirtschaft, wie wir sie seit Jahrzehnten kennen, grundlegend zu verändern.

Zum wesentlichen Investmentthema wird diese Veränderung, weil sie Unternehmen zur Anpassung ihrer Strategien und ihres Geschäftsmodells zwingt. Es geht von diesem globalen Trend in Bezug auf die Weise, wie Unternehmen ihre Wertschöpfung strukturieren eine enorme disruptive Kraft aus. Überdurchschnittlich erfolgreich werden zunehmend nur noch Unternehmen sein können, die die neuen Spielregeln möglich frühzeitig antizipiert haben und die erforderlichen Veränderungen vornehmen.

Fazit für das Investieren

In dem grundlegenden Umbruch der Struktur der globalen Wirtschaft gibt es beim Investieren kein „Einfach weiter so“. Wer anlegt, muss bei Aktien- und Anleiheinvestments genau hinsehen, welche Unternehmen nicht nur in der Vergangenheit erfolgreich waren (in einer globalen „Exportwelt“), sondern sich auch unter den neuen Bedingungen einer fragmentierteren Welt mit dezentraleren Wertschöpfungsketten behaupten können. 

Wie immer, wenn globale Wirtschaftstrends nicht einfach fortgeschrieben werden, können Fondsanlagen mit aktivem Management dabei von Vorteil sein. Denn sie bieten die Möglichkeit, nicht einfach auf die „Gewinner von gestern“ zu setzen, sondern die Potenziale der Unternehmen zu berücksichtigen, die sich voraussichtlich besser, schneller und letztlich erfolgreicher an die neue Wirtschaftsordnung anpassen können.


Quellen:

1 DW, 08.02.2006
2 WTO/Statista, „Anteil der wichtigsten Exportnationen am weltweiten Außenhandel 2022“
3 South China Morning Post, 19.11.2020
4 Matthes, Jürgen, 2023, Deglobalisierungs-Debatte. Was eine veränderte Globalisierung für das deutsche Exportmodell bedeutet, in: Makronom online, https://makronom.de/was-eine-veraenderte-globalisierung-fuer-das-deutsche-exportmodell-bedeutet-44193
5 The Economist, 2.11.2023
6 Zölle auf Milchprodukte, WTO (seit 2019), Statista 2023
7 Zeit online, 19.6.2023

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