Unter dem Motto „Tipps aus der Praxis für die Praxis“ starten wir heute mit einer vierteiligen Artikelserie zum Thema Behavioral Finance. Mit zahlreichen Tipps aus der Praxis, wie man auf typische und häufig emotionale Kundenverhalten erfolgreich reagieren kann.

Behavioral Finance, zu Deutsch Verhaltensökonomie, beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Emotionen auf das Anlageverhalten. Diese relativ junge, aber inzwischen prominente Forschungsdisziplin kombiniert Erkenntnisse aus Psychologie, Wirtschafts- und Finanzwissenschaften. Der Forschungszweck ist die Beantwortung der Frage: „Wie treffen Menschen Investmententscheidungen und von welchen psychologischen, also unbewussten Faktoren lassen sie sich dabei leiten?“

Wer die Prinzipien der Behavioral Finance kennt, kann diese im Beratungsalltag berücksichtigen. Denn: Bestimmte Überlegungen und Verhaltensweisen tauchen bei Ihren Kundinnen und Kunden immer wieder auf.

Herz über Kopf

Die traditionelle Finanzwissenschaft geht davon aus, dass Menschen ihre Anlageentscheidungen rational treffen. Der sogenannte Homo Oeconomicus sei am Werk und entscheide stets nutzenmaximierend. Anders die Behavioral Finance. Die Verhaltensökonomie basiert auf der Annahme, dass Emotionen und psychische Faktoren eine sehr große, oftmals die entscheidende Rolle bei Anlageentscheidungen spielen. Schauen wir in die Praxis, wird es anschaulich und Sie haben es so oder so ähnlich sicher schon einmal beobachtet:

  • Kurz vor der Erholung will ein Kunde oder eine Kundin panisch bestimmte Wertpapiere verkaufen, obwohl die Daten anderes raten.
  • Andere möchten unbedingt in eine Aktie einsteigen, weil gerade alle davon sprechen. Dabei deuten die Daten objektiv auf eine Überbewertung hin.
  • Wieder andere wollen sich partout nicht von einer Aktie trennen, weil sie dann Verluste realisieren müssten. Das Halten dieses Papiers verschlimmert die Situation jedoch.

Dem liegen nur allzu menschliche Verhaltensweisen zugrunde, die bei der Geldanlage jedoch zu Fehlern und Verlusten führen können. Wer um die psychologischen Mechanismen weiß, ist besser gegen Fehlentscheidungen gewappnet. Wer eine Finanzberaterin oder einen Finanzberater mit Kenntnissen in Behavioral Finance an der Seite hat, noch besser.

Zwei konkurrierende Systeme

Warum fällt es uns Menschen so schwer, uns gegen den Einfluss unserer Emotionen zu wehren? Das wollte auch Daniel Kahneman wissen und schaute genauer hin. Für seine Ergebnisse erhielt er 2002 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Er stellte zwei konkurrierende Denksysteme fest.

System 1 – arbeitet schnell, automatisiert und weitgehend unbewusst. Es ist stark von Emotionen geleitet und reagiert auf Gefahr, Vertrautheit und Muster. Es ist evolutionär alt und in vielen Alltagssituationen unverzichtbar.

System 2 – arbeitet langsam, bewusst und analytisch. Die Arbeit von System 2 ist anstrengend. Mit diesem System erstellen wir die Steuererklärung, spielen Schach – oder sollten im Idealfall Anlageentscheidungen treffen.

Warum wenden Menschen beim Investieren dennoch so oft System 1 an? Ganz einfach: Unter Druck, bei Unsicherheit und emotionaler Erregung – also genau in den Momenten, die an der Börse entscheidend sind – übernimmt System 1 das Steuer, weil System 2 langsam arbeitet und die Arbeit anstrengend ist.

Einen konkreten Aspekt zur Verhaltensökonomie – nämlich zum Market Timing in Krisenzeiten – können Sie hier nachlesen.

Wichtig für die Beratungspraxis: Fünf typische Mechanismen aus der Behavioral Finance

Die Verhaltensökonomie geht also davon aus, dass beim Investment System 1 übernimmt und damit Emotionen stärkeren Einfluss auf Anlageentscheidungen haben als rationale Erwägungen. Weil das noch recht allgemein gehalten ist, stellen wir Ihnen hier fünf typische Mechanismen aus der Behavioral Finance vor, die bei der Geldanlage sehr häufig zu beobachten sind und die Ihnen im Beratungsalltag häufiger als Prototypen begegnen werden.

  1. Verlustaversion und Verkaufsreflex
    Verluste wiegen emotional deutlich stärker als Gewinne, darum werden verlustreiche Positionen oft zu lange gehalten. Gleichzeitig werden Gewinne zu früh realisiert. Ein Muster, das als Dispositionseffekt bekannt ist.
  2. Herdentrieb
    In unsicheren Zeiten orientieren sich Anlegende am Verhalten anderer und treffen dadurch oft unvorteilhafte Entscheidungen. Sie kaufen zu spät (FOMO - Fear Of Missing Out) und verkaufen zu spät. Die Folge: schlechtes Timing mit Verlusten im Portfolio.
  3. Kontrollillusion und Overconfidence
    Viele Anlegende überschätzen ihre Fähigkeiten und halten Marktentwicklungen für kontrollierbar. Aber: Diese Selbstüberschätzung erhöht die Risikobereitschaft, selbst in ungeeigneten Marktphasen.
  4. Selektive Wahrnehmung
    Wer sein Geld angelegen will, bevorzugt Informationen, die die eigene Meinung bestätigen. Folge: Anlegende ignorieren oft widersprüchliche Signale. Dieser Effekt verstärkt sich durch digitale Informationsumfelder und führt besonders bei Verlusten zu Fehlentscheidungen.
  5. Home Bias
    Anlegende investieren bevorzugt in vertraute Märkte und unterschätzen dabei die Bedeutung von Diversifikation. Vertrautheit wird mit Sicherheit verwechselt. Und das kann zu unausgewogenen Portfolios führen.

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Beratung als Gegengewicht

Die Märkte sind derzeit besonders volatil und der Behavioral Finance somit Tür und Tor geöffnet. In Marktphasen wie diesen ist Beratung wichtiger denn je. Nur wer die Muster aus der Verhaltensökonomie kennt, kann bei emotionalem und irrationalem Anlegerverhalten gezielt gegensteuern. Hier sind Sie gefragt! Als Finanzberaterin oder -berater können Sie Zusammenhänge und Mechanismen erklären, für Verhaltensmuster sensibilisieren und diese einordnen. Wenn Ihnen die Mechanismen der Behavioral Finance bekannt sind, erkennen Sie auch, wenn diese „am Werk“ sind. Dann können Sie im Sinne Ihrer Kundinnen und Kunden einschreiten, falls es Ihnen notwendig erscheint.

Tipps aus der Praxis für die Praxis

Damit die Theorie der Verhaltensökonomie eine konkretere Bedeutung für Ihren Beratungsalltag erhält, stellt Ihnen Nikolas Kreuz in drei weiteren Artikeln anschauliche Praxistipps aus seiner eigenen Beratungserfahrung vor.
Nikolas Kreuz ist erfahrener Asset Manager und Gründer von INVIOS Institut für Vermögenssicherung & Asset Management.

Da ihm die theoretischen Konzepte der Verhaltensökonomie in eigener Beratungspraxis immer wieder begegnet sind, weiß er, worauf es in der Beratung besonders ankommt. In den kommenden drei Artikeln verrät er neun Tipps aus seinem Beratungsalltag für Ihre Praxis.

Die drei Beiträge der Serie im Überblick

Teil 1: Warum gute Anleger Fehler machen
Drei Tipps aus der Verhaltensökonomie, wie Sie typische Einwände erkennen, darauf reagieren und Fehlentscheidungen abwenden.

Teil 2: Drei Einwände, die gute Berater lieben
Zögern die Kundinnen und Kunden, liegt das selten am Produkt. Drei Tipps, wie Sie Widerstand in Vertrauen verwandeln und aus Einwänden Abschlusschancen machen.

Teil 3: Warum Regeln immer wertvoller sind als Produkte
Klare Anlageregeln sind die wirkungsvollste Antwort auf irrationale Impulse. Drei Tipps, wie Sie Anlageprinzipien nachvollziehbar und anwendbar machen und so auf Verhaltensökonomie reagieren.

Fazit

Behavioral Finance ist längst kein akademisches Randthema mehr. Sie ist die Antwort auf die Frage, die jede Beraterin und jeden Berater irgendwann beschäftigt: Warum handeln meine Kundinnen und Kunden gegen ihre eigenen Interessen – und was kann ich dagegen tun? Die folgenden drei Artikel liefern Ihnen praktische Antworten darauf.

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