Das Wirecard-Desaster: größter Fall von Bilanzmanipulation in der DAX-Geschichte. ESG-Gesamtratings fielen im Vorfeld allerdings nicht unbedingt schlecht aus. Ein genauerer Blick in die Governance-Bewertung konnte Anleger aber früh vor Risiken warnen. Lesedauer 2 – 3 Min.

Dass Nachhaltigkeitsfaktoren viel über ein Unternehmen und dessen Risiken aussagen können, ist längst kein Geheimnis mehr. Mit dem Absturz des einstigen Börsenlieblings Wirecard kam dann auch schnell die Frage auf, ob nicht nur Aufsichtsrat, Wirtschaftsprüfer, Bankenaufsicht und der Arbeitskreis Aktienindizes als „Herrscher über den DAX“ versagt haben, sondern auch ESG-Ratingagenturen. Denn bei ESG geht es nicht nur um Umwelt und soziale Aspekte (Environmental/Social), sondern auch um Governance, also Unternehmensführung.

Dass in der Unternehmensführung des Aschheimer Unternehmens nicht alles mit rechten Dingen zuging, darauf deutete schon eine Weile einiges hin. Bereits seit April 2015 berichtete die Financial Times immer wieder kritisch über Wirecard. 2016 warf die (allerdings etwas mysteriöse) Analyseorganisation „Zatarra Research and Investigations" Wirecard Betrug und Geldwäsche vor. Im Februar 2019 folgten Berichte über polizeiliche Durchsuchungen im Singapurer Wirecard-Büro. Allerspätestens mit der Beauftragung des Sonderprüfungsbericht durch Wirecard – auf Druck von Investoren – im Oktober 2019 hätten alle Alarmglocken schrillen sollen. Ende April 2020 veröffentlichte KPMG dann den Sonderprüfungsbericht und erklärte, dass man Umsätze und Gewinne von Wirecards Partneranbietern zwischen 2016 und 2018 nicht verifizieren könne. Zur Erinnerung: Am 18. Juni 2020, dem Tag der Vorlage der Zahlen für 2019, verkündete Wirecard dann, dass 1,9 Mrd. Euro auf den Konten fehlen.

Aufsichtsratsbesetzung deutet auf Probleme mit Governance hin

Irreführende Bilanzierung, Querelen um die KPMG-Sonderprüfung und das Jahresabschlusstestat – das waren nur einige der Hinweise auf „G“-Probleme. Es gab auch scharfe Kritik daran, dass EY als Wirtschaftsprüfungsgesellschaft das Unternehmen seit 2009 ununterbrochen geprüft hat, entgegen den Empfehlungen zur Rotation. Und dass der Wirecard-Aufsichtsrat 2019 nur aus sechs Personen bestand, fünf von ihnen ohne nennenswerte Führungs- und Aufsichtserfahrung in Großkonzernen. „Es gibt keinen anderen Aufsichtsrat unter den Dax-30-Konzernen, der so wenig kollektive Führungserfahrung vereinigt, wie die Wirecard-Mannschaft“, schrieb Capital schon im Februar 2019. Auch die Unternehmensspitze kam nicht gut weg: „Der Vorstand wirkt eher wie eine junge Truppe von Start-up-Freunden, die seit vielen Jahren zusammenhocken, und nicht wie das Leitungsgremium eines Dax-30-Konzerns.“1

Schlechte Noten: Wirecard als „laggard“

Hätte mehr Beachtung von ESG-Faktoren Anleger vor den massiven Verlusten bewahren können? Ganz blind waren die großen ESG-Ratingagenturen nicht. Bei MSCI ESG hatte Wirecard ein mittleres BBB-Rating, auch Sustainalytics gab Wirecard eine mittlere Note, ebenso RepRisk, ein Schweizer Unternehmen, das sich auf ESG- und Business-Conduct-Risikoforschung spezialisiert hat.2

Wer aber genauer hinschaute, konnte durchaus „red flags“ erkennen: In der Rubrik Governance gab es bei MSCI ESG den Hinweis, dass Wirecard als „laggard“, also Nachzügler, einzustufen sei.3 Bei ISS ESG kam Wirecard beim Thema Governance immer schon nur mittelmäßig bis schlecht weg: Auf der Skala von der Topnote 1 bis zu schlechtesten Note 10 lag Wirecard demnach jahrelang zwischen 4 bis 6, Ende 2018 dann sogar bei 8 und 9. In der Subkategorie „Bilanz und Risikomanagement“ erhielt das Unternehmen sogar eine 10 und zahlreiche „rote Flaggen“.4

ESG-Rating: Nicht nur auf die Gesamtnote schauen

Bei ESG-Problemfällen denken viele vor allem an Umweltsünder wie Ölkonzerne, Fracking-Unternehmen oder auf Kinderarbeit setzende Textilhersteller. Ein „sauberes“ Geschäft wie Zahlungsdienstleistung scheint da erst einmal unverdächtig. Der Fall Wirecard unterstreicht aber, dass sich die Aufmerksamkeit nicht nur auf E und S, sondern auch auf G richten muss. Nur auf die Gesamtnote zu schauen, kann trügerisch sein, in der Masse von Informationen kann so mancher Warnhinweis untergehen oder von guten Teilnoten überdeckt werden.

Den Überblick zu behalten, ist bei der Vielzahl an Kriterien, die in ein ESG-Rating einfließen, allerdings keine leichte Übung („Auf was achten ESG-Ratings?“). Wichtig ist letztlich, dass Portfolioverantwortliche bei der Einzeltitelauswahl genau hinschauen und ESG-Ratings der großen Anbieter möglichst durch eigenes Research ergänzen – so wie viele Fondsmanager das tun. Dass Nachhaltigkeitsfaktoren inklusive Governance viel über ein Unternehmen und dessen Risiken aussagen können, hat der Fall Wirecard jedenfalls nochmals auf schmerzliche Weise deutlich gemacht. Und er hat unterstrichen, das die Beachtung von ESG-Kriterien zum wichtigen und heute unverzichtbaren Element des Risikomanagements für Anleger geworden ist – ESG ist von einer Kür zur Pflicht für Kapitalanlagen geworden.

Quellen:

1 Capital, 04.02.2019.
2 ft.com, 01.07.2020.
3 tagesschau.de, 31.07.2020.
4 Finanz-Szene.de, 11.05.2020.

Abbildung: Firmengebäude Wirecard in Aschheim, Leo Molatore / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)

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