Der deutsche Retail Banking Markt steht unter Druck: Immer mehr ausländische Banken und Neobanken drängen nach Deutschland. Das verstört Arbeitnehmer und Kunden, kann für die unabhängige Finanzberatung daher eine Chance für Kundengewinnung sein.
Für etablierte Institute entsteht durch die Konkurrenz aus dem Ausland ein Wettbewerb, der nicht nur digital, sondern strukturell herausfordert. Auf der anderen Seite heißt das aber auch, dass sich für die unabhängige Finanzberatung durch den Angriff auf das deutsche Bankensystem unerwartete Chancen ergeben, Kunden zu gewinnen.
Wer greift an? Die neuen Wettbewerber aus dem Ausland
Besonders aktiv sind Institute aus Südeuropa, Skandinavien und Großbritannien. So hat in diesem Jahr die spanische Banco Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA) angekündigt, nach Girokonten und Festgeld nun auch Kreditkarten in Deutschland anzubieten. Auch der US amerikanische Anbieter JPMorgan testet mit seinem, in Großbritannien bereits aktiven Ableger „Chase“ digitale Angebote für deutsche Privatkunden.
Parallel verstärken internationale Neobanken wie Revolut und Wise (Großbritannien) sowie Klarna (Schweden) ihre Präsenz. Sie alle setzen auf moderne Apps, schnelle Prozesse und niedrige Gebühren – ein Modell, das viele deutsche Privatbanken, Volksbanken und Sparkassen mit ihren über die Jahre gewachsenen und oft komplexen IT Strukturen („legacy systems“) herausfordert.
Warum ist Deutschland so attraktiv?
Deutschland zählt zu den größten und attraktivsten Retail Banking Märkten Europas. Zwei Fakten belegen das enorme Gewicht:
- Das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland betrug im ersten Quartal 2026 fast 9,5 Billionen Euro.1
- Bereits im Jahr 2024 lag es mit 9,4 Billionen Euro höher als das der privaten Haushalte Großbritanniens (8,0 Bio. Euro) und Frankreichs (7,4 Bio. Euro).2
- Hinzu kommt eine Sparquote von über zehn Prozent der privaten Haushalte in Deutschland, die laut Statistischem Bundesamt seit Jahren über dem EU Durchschnitt liegt.3
Für internationale Anbieter ist das ein Markt mit hoher Liquidität, großer Kundenzahl und vergleichsweise schwacher digitaler Durchdringung – und damit ein attraktiver Zielmarkt.
Die geplante Übernahme der Commerzbank durch UniCredit
Besondere Aufmerksamkeit erhält in diesem Zusammenhang die Übernahme der Commerzbank durch die italienische UniCredit, die inzwischen als unabwendbar erscheint.
Sie wäre die größte Bankenübernahme in Deutschland seit Jahrzehnten und hätte Signalwirkung: Erstmals würde ein großes deutsches Institut unter die Kontrolle einer ausländischen Bankengruppe geraten. Das verstärkt die Wahrnehmung, dass Deutschland nicht nur digital, sondern auch strukturell zum Ziel ausländischer Finanzhäuser wird.
Für das 1870 in Hamburg gegründete Traditionshaus Commerzbank, das von vielen als Finanzier des deutschen Mittelstandes verstanden wird, wäre die Übernahme durch die erst 1998 aus dem Zusammenschluss mehrerer italienischer Sparkassen entstandene UniCredit eine Zäsur mit Folgen.
Immerhin betreut die Commerzbank über zehn Millionen Privatkunden. Im gehobenen Privatkundengeschäft und Wealth Management verwaltet sie inzwischen für 20.000 Kunden insgesamt mehr als 25 Milliarden Euro und gehört damit zu den größten Vermögensverwaltern im deutschen Bankenmarkt.4
Stationen einer Übernahme
Was eine Übernahme für Bankkunden bedeutet
Wenn eine, ob aus- oder inländische, Bank die Hausbank übernimmt, bleibt für Kunden erst einmal alles beim Alten:
- Konten, Karten, Depots und Verträge laufen weiter.
- IBAN und Online Banking bleiben unverändert.
- Die gesetzliche Einlagensicherung bis 100.000 Euro gilt unabhängig vom Eigentümer.
Mittelfristig sind jedoch Veränderungen möglich: neue Apps, geänderte Kartenmodelle, Filialzusammenlegungen oder Anpassungen im Produktangebot. Erfahrungsgemäß entstehen in solchen Phasen Unsicherheiten – und damit Beratungsbedarf.
Im Falle der Commerzbank verweisen Gegner der Übernahme immer wieder auf das Beispiel der Münchener HypoVereinsbank: Sie wurde 2005 von der UniCredit übernommen, ihr Status einer Aktiengesellschaft in den einer GmbH „degradiert“ und die Belegschaft im Laufe der Jahre von 22.700 auf unter 8.300 Personen heute reduziert.5
Konsequenzen für unabhängige Finanzberater
Für freie Berater ergeben sich durch die Übernahme einer heimischen Bank zwei zentrale Entwicklungen:
- Mehr Beratungsbedarf durch Verunsicherung: Große Übernahmen führen meist zu nachvollziehbaren Fragen von Kunden wie: Bleibt meine Filiale? Ändern sich die Gebühren? Wird das Depot übertragen? Berater können hier Orientierung geben und Alternativen aufzeigen.
- Stärkere Konkurrenz durch internationale Anbieter: Ausländische Banken bringen oft günstige Depotmodelle und moderne Apps mit. Das erhöht zwar einerseits den Druck, das eigene Leistungsversprechen klar zu formulieren. Andererseits können unabhängige Finanzberater und -beraterinnen ihre Stärken wie die persönliche Betreuung und die langfristige Begleitung des Kunden in den Vordergrund rücken
Fazit: Der deutsche Retail-Banking-Markt internationalisiert sich weiter, und der Wettbewerb um deutsche Privatkunden wird dadurch intensiver. Neue Anbieter, digitale Geschäftsmodelle und Konsolidierungen über alle drei Säulen des deutschen Bankensystems erhöhen den Veränderungsdruck auf die etablierten Institute. Für Finanzberaterinnen und Finanzberater entsteht dadurch nicht nur ein zusätzlicher Gesprächsanlass, sondern auch die Chance, für Vermögenswerte, die bislang bei einer Bank geparkt waren, eine neue Heimat zu finden.
Fußnoten:
1 Quelle: Bundebank, 16/07/2026: Geldvermögensbildung und Außenfinanzierung in Deutschland im ersten Quartal 2026
2 Quelle: Statista, 06/10/2025: Privates Geldvermögen nach Ländern 2024
3 Quelle: Statista, 05/06/2026: Sparquote privater Haushalte in Deutschland bis 2025
4 Quelle: Commerzbank, 13/08/2026: „Auch reiche Leute brauchen (manchmal) 20 Millionen Euro Kredit“
5 Quelle: Handelsblatt.com, 09/09/2026: Commerzbank: Verdi fordert Verbleib des Staats als Commerzbank-Großaktionär
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