Von unabhängigen Beratern oft misstrauisch beäugt, sind Neobroker und ihre Kunden keine digitalen Aliens. Im Gegenteil: Das Altersvorsorgedepot kann dazu beitragen, aus ETF-Sparern von Scalable & Co. langfristig Kunden mit Beratungsbedarf zu machen.
Besonders interessant dürfte das Altersvorsorgedepot für die wachsende Gruppe der Neobroker-Kunden sein – primär in seiner Ausprägung als kostenminimiertes Standarddepot auf ETF-Basis. Denn von fast 50 Millionen für das Altersvorsorgedepot berechtigten Menschen in Deutschland sind bereits zwölf Millionen Kunden von Online- oder Neobrokern.
Viele von ihnen investieren bereits regelmäßig in kostengünstige ETF-Sparpläne und verfügen über Erfahrungen am Kapitalmarkt. Gleichzeitig zeigt sich: Gerade im Bereich der privaten Altersvorsorge gibt es Leistungen, die reine Digitalanbieter häufig nicht abdecken können.
Neobroker haben neue Anlegergeneration geprägt
Zu den bekanntesten Neobrokern in Deutschland zählen heute Trade Republic, Scalable Capital und Revolut. Sie haben Millionen Menschen den Einstieg in die Geldanlage erleichtert, indem sie Wertpapierhandel und Sparpläne einfach, digital und kostengünstig anbieten. Viele ihrer Kunden investieren regelmäßig in breit gestreute ETFs und verfolgen einen langfristigen Vermögensaufbau.
Für diese Anlegergruppe ist das Altersvorsorgedepot eine logische Weiterentwicklung. Denn das neue Modell verbindet zwei Welten, die bislang getrennt waren: kostengünstiges Investieren am Kapitalmarkt und staatlich geförderte private Altersvorsorge.
Die Idee: die Renditechancen von Fonds und ETFs mit Zulagen sowie steuerlichen Vorteilen kombinieren. Damit adressiert das Altersvorsorgedepot genau jene Anleger, die bereits heute freiwillig und eigenverantwortlich Vermögen aufbauen.
Welche Angebote planen die Neobroker?
Mehrere digitale Anbieter beschäftigen sich bereits mit möglichen Angeboten rund um das Altersvorsorgedepot. Dabei verfolgen sie unterschiedliche Ansätze
Besonders klar positionieren sich bisher Scalable Capital und Trade Republic.
Scalable Capital hat angekündigt, neben einem Standarddepot auch eine Variante für Selbstentscheider anzubieten. Nach Angaben des Unternehmens sollen Depotführung, Sparpläne sowie Käufe und Verkäufe im Standardmodell kostenfrei sein. Zudem plant der Anbieter einen Wechselservice für bestehende Riester-Kunden.1 Die laufenden ETF-Kosten sollen zu Beginn bei null liegen, später bei 0,15 Prozent pro Jahr.2
Auch Trade Republic setzt auf eine günstige Preisstrategie. Für Standarddepot und individuelles Depot sollen weder Depot- noch Ausführungskosten anfallen. Darüber hinaus kündigte das Unternehmen an, die laufenden Kosten ausgewählter ETFs zu erstatten beziehungsweise wieder anzulegen. Trade Republic hat zudem einen eigenen Lebensversicherer gegründet, um künftig auch Produkte mit 80- oder 100-prozentiger Beitragsgarantie anbieten zu können.3
Revolut hat bislang noch kein konkretes Altersvorsorgedepot vorgestellt. Das Unternehmen baut jedoch sein Fondsgeschäft aus und hat laut Medienberichten eine eigene Fondsplattform registriert sowie die Auflage eigener ETFs vorbereitet. Dies deutet darauf hin, dass auch Revolut im künftigen Markt für geförderte kapitalmarktbezogene private Altersvorsorge eine Rolle spielen könnte.4
Gemeinsam ist den Neobrokern ihre Konzentration auf digitale Prozesse, niedrige Kosten und eine einfache Nutzerführung. Damit sprechen sie insbesondere jüngere Anleger an, die ihre Finanzentscheidungen selbst treffen möchten.
Was Neobroker nur eingeschränkt leisten
So attraktiv die neuen Angebote erscheinen mögen: Das Altersvorsorgedepot ist deutlich komplexer als ein klassischer ETF-Sparplan.
Viele Entscheidungen reichen weit über die Auswahl eines geeigneten ETFs hinaus. So sollten Anlegende bzw. ihre Beratende beurteilen, wie sich staatliche Förderung, Steuervorteile, Rentenbeginn und Familienstand auf ihre persönliche Situation auswirken. Von Fragen zur Nachlassplanung, zur Einbindung in bereits bestehende Vorsorgekonzepte oder zur optimalen Aufteilung zwischen freiem Vermögensaufbau und geförderter Altersvorsorge ist da noch gar nicht die Rede ...
Genau hier stoßen die rein digitalen Geschäftsmodelle an ihre Grenzen. Viele Neobroker konzentrieren sich auf digitale Prozesse, Produktauswahl und technische Abwicklung. Der Umfang zusätzlicher Beratungsangebote unterscheidet sich je nach Anbieter. Eine ganzheitliche Analyse der persönlichen Vermögens- und Vorsorgesituation gehört nicht zu ihrem Leistungsumfang. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Produktauswahl und der technischen Abwicklung mit klarem Fokus auf niedrige Kosten.
Für viele, gerade jüngere Anleger mag das ausreichend sein. Wer jedoch über die Jahre ein größeres Vermögen aufbauen, mehrere Vorsorgebausteine kombinieren oder Fördermöglichkeiten sinnvoll ausschöpfen möchte, benötigt häufig mehr als eine digitale Handelsplattform.
Warum Neobroker-Kunden für Finanzberatende interessant sind
Und gerade deshalb sind Neobroker-Kunden für unabhängige Finanzberater und -beraterinnen interessant.
Nicht nur haben diese Anleger bereits mehrere wichtige Hürden überwunden: Sie interessieren sich für Kapitalmarktanlagen, akzeptieren offensichtlich temporäre Kursschwankungen und sparen oft regelmäßig.
Darüber hinaus ist der Bedarf nach Beratung im Zusammenhang mit der Altersvorsorge allgemein groß. Laut einer aktuellen Umfrage von Fidelity Deutschland hat fast jeder fünfte Befragte (18%), der sich nicht im Ruhestand befindet, noch nie ein Gespräch über seine oder ihre Altersvorsorge geführt. Kein Wunder also, dass sich mehr als ein Drittel (37%) nicht ausreichend für den Ruhestand vorbereitet sieht.5
In Bezug auf das Altersvorsorgedepot ist das Wissen nicht besser: Zwar hatten sieben von zehn der Befragten schon einmal davon gehört, doch nur ein Drittel (34%) konnte grob erklären, worum es dabei geht.6
Das Altersvorsorgedepot könnte daher auch für viele Neobroker-Nutzer der Moment sein, in dem sie erstmals intensiv über eine strukturierte Vorsorgestrategie nachdenken. Hierbei sollten Fragen beantwortet werden wie:
- Welche Rolle spielt das Altersvorsorgedepot im gesamten Vermögensaufbau?
- Welche Förderungen sind sinnvoll?
- Wie lässt sich das Depot mit bestehenden Verträgen oder weiteren Anlageformen kombinieren?
Während Neobroker den puren Online-Zugang zu kostengünstigen Produkten schaffen, stellen unabhängige Beraterinnen und Berater somit den größeren Zusammenhang hinsichtlich der individuellen Lebenszyklen und der bestehenden Vorsorgeplanungen her.
Fazit
Für Finanzberatende eröffnet sich damit die Chance, eine digitalaffine und kapitalmarktorientierte Anlegergruppe anzusprechen, die meist schon von den Vorteilen des Investierens überzeugt ist.
Aus Sicht der Beratung geht es daher nicht darum, mit Neobrokern vordergründig zu konkurrieren. Das Altersvorsorgedepot kann aber auch für Menschen relevant werden, die bisher selbstständig über digitale Plattformen investiert haben. Somit kann das Altersvorsorgedepot dazu beitragen, diese rein digitalen Investoren auf ihrem Weg zu langfristigen Kunden mit größerem Beratungsbedarf zu begleiten.
Fußnoten:
1 Quelle: Fonds professionell.de, 21.08.2026: Altersvorsorgedepot: Scalable macht Kampfansage
2 Quelle: Das Investment, 19.10.2026: Altersvorsorgedepot-Produkte im Überblick
3 Quelle: Fonds professionell.de, 19.10.2026:Wegen AV-Depot? Trade Republic gründet Lebensversicherer
4 Quelle: Das Investment, 20.08.2026: Revolut plant wohl eigene ETFs und registriert Fondsplattform
5 Quelle: Zusammenfassung “Fidelity Retirement Conversation Gap Study”
6 Quelle: Zusammenfassung “Fidelity Retirement Conversation Gap Study”
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