Seit 1982 kommen beim jährlichen Zentralbanktreffen führende Köpfe aus den Wirtschaftswissenschaften zusammen und beraten über den künftigen Kurs. Die Märkte interpretieren, was verlautbart wird – und sind dabei erstaunlich sicher. Eine Beobachtung über die Jahre.

Jedes Jahr dasselbe Ritual: Seit mehr als 40 Jahren treffen sich Zentralbankerinnen und Zentralbanker im hintersten Winkel von Wyoming, um zu beraten. Dabei geht es nicht nur um die künftige Leitzinsentwicklung, sondern auch um Einschätzungen von Wirtschaftslage und Aussichten in den verschiedenen Währungszonen.

Mit Spannung erwarten die Märkte die Ergebnisse der Beratungen. Und selbst, wenn – wie in diesem Jahr – die Verlautbarungen eher unbestimmt sind, werden sie gedeutet. Ihre Interpretation schlägt sich in der Entwicklung an den Aktienmärkten nieder. So zogen die Märkte nach der Rede von Jerome Powell Ende August dieses Jahres an. Die war zwar als „sehr unbestimmt“ in ihren Aussagen wahrgenommen worden. Doch schon die Andeutung, dass man in den kommenden Sitzungen „sehr vorsichtig“ vorgehen1 wolle, wurde als Signal interpretiert, dass der Druck steigender Leitzinsen auf die Aktienmarktentwicklung nachlassen könnte.

Orakelqualität: Positive Interpretationen seit 20 Jahren zutreffend

In der Regel braucht es eine gewisse Zeit, bis sich eine Interpretation der Signale aus Jackson Hole durchsetzt und sich eine Art Konsensmeinung in den Aktienkursen niederschlägt. 

Vergleicht man jedoch den Kursstand des Welt-Aktienbarometers MSCI World jeweils 30 Tage nach dem ersten Handelstag im Anschluss an die Konferenz2 mit dem Stand an eben diesem Handelstag, ergibt sich in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten (!) ein erstaunlich verlässliches „Orakel“: War der Kursstand des MSCI World 30 Handelstage später höher als zuvor, schloss das Jahr jeweils mit einem höheren Indexstand als zur Zeit der Beratungen von Jackson Hole. Als Beispiel kann 2010 gelten. Hier war der 30. August der erste Handelstag, nachdem die Notenbankentourage das verschlafene Städtchen in Wyoming wieder verlassen hatte. Der MSCI World schloss den Tag mit einem Stand von 1083 Punkten. 30 Handelstage später hatte er um 11,7% zugelegt. Das Jahr 2010 schloss er mit fast 1300 Punkten ab (siehe auch Grafik).3  

„Positives Orakel“ im Jahr 2010 – eingelöst (Grafik auch zum Download verfügbar)

Linke Grafik: MSCI World Price Index in US-Dollar, indiziert auf 100 per 30.8.2010. Man sieht, dass der Wert am 11.10. bei rund 120 liegt. Rechte Grafik: Punktestand MSCI World mit fast 1300 Punkten am Jahresende höher als am 30.8.

Refinitiv, MSCI World Price Index (USD), 31.07.2023. Erträge der Vergangenheit sind keine Garantie für künftige Ergebnisse. Links: indexiert auf 100 per 30.08.2010. Darstellung FFB.

Umgekehrt war eine negative Kursentwicklung im 30 Handelstage-Zeitraum meist auch der Vorbote eines Kursabschlags zum Jahresende. Als Beispiel kann hier das Jahr 2011 gelten (siehe Grafik).

„Negatives Orakel“ im Jahr 2011 – eingelöst (Grafik auch zum Download verfügbar)

Linke Grafik: MSCI World Price Index in US-Dollar, indiziert auf 100 per 29.8.2011. Man sieht, dass der Wert am 10.10. bei rund 120 liegt. Rechte Grafik: Punktestand MSCI World mit rund 1182 Punkten am Jahresende niedriger als am 29.8.

Refinitiv, MSCI World Price Index (USD), 31.07.2023. Erträge der Vergangenheit sind keine Garantie für künftige Ergebnisse. Links: indexiert auf 100 per 29.08.2011. Darstellung FFB.

Nachlassende Verlässlichkeit in jüngerer Zeit?

Die Weise, wie wir das „Orakel“ von Jackson Hole befragt haben, erhöht natürlich seine Verlässlichkeit. Denn im September folgt auf die Beratungen bereits bei der Fed und der EZB die nächste Sitzung, auf der über die jeweiligen Leitzinsanpassungen beraten wird – eine gute Möglichkeit für die Märkte, ihre Hypothesen bezüglich der Interpretation der Statements von Jackson Hole zu überprüfen.

Dennoch war „negatives Orakel“ (also negative Kursentwicklung des MSCI World im 30-Tage-Zeitraum nach der Konferenz) in den letzten zwei Dekaden nicht so verlässlich, wie ein positives. Die Grafik zeigt zudem, dass die „Orakelqualität“ in den Jahren ab 2020 nachgelassen hat (mit teils positivem Jahresausgang trotz negativer Prognose). Hierin dürfte sich nicht zuletzt eine Wirkung des Pandemiegeschehens mit nachhaltig gestörten Lieferketten zeigen, das auch für Expertengremien den Blick nach vorn schwieriger macht.

Aktienmärkte: Kalenderjahresende vs. Zeit von Jackson Hole (in %) (Grafik auch zum Download verfügbar)

Blaue Punkte kennzeichnen die Wertentwicklung des MSCI World zwischen den Beratungen von Jackson Hole und dem jeweiligen Ende des Kalenderjahres. Sie entsprechen positiven „Orakelaussichten“ und sind alle positiv

Refinitiv, MSCI World Price Index (USD), 31.07.2023. Erträge der Vergangenheit sind keine Garantie für künftige Ergebnisse. Gezeigt werden die Entwicklungen des MSCI World Index zum Ende des jeweils angegebenen Kalenderjahres im Vergleich zum Indexstand unmittelbar nach dem Symposion von Jackson Hole. Darstellung FFB.

Christine Lagarde wies in ihrem Statement beim Jackson-Hole-Symposion 2023 auf einen Umstand hin, der Prognosen und Einflussnahme der Zentralbanken zunehmend erschwere: Die für die Inflation wichtige Geldmenge M3 (maßgeblich von Kreditvergabe beeinflusst) entzieht sich zunehmend den Gestaltungshebeln der Zentralbanken (wie zum Beispiel Leitzinsvorgaben) und entkoppelt sich auch von der konjunkturellen Entwicklung. Während in früheren Zeiten die Wirtschaft in konjunkturell schwierigen Phasen weniger investiert habe und höhere Zinsen den Investitionseifer zusätzlich dämpfen konnten, wird heute auch in einer abflauenden Konjunktur massiv in den nachhaltigen Umbau der Wirtschaft investiert – eine Situation ohne Erfahrungswerte für die Zentralbanken.4

Vorsicht vor Orakeln

Schon das berühmte Orakel von Delphi hatte es in sich. So bekam der sagenhaft reiche lydische Herrscher Krösus seine Fehlinterpretation eines Orakelspruchs drastisch zu spüren. Das Orakel ließ ihm vor dem Start seiner Attacke auf Persien mitteilen, dass er ein großes Reich zerstören werde, wenn er den Grenzfluss überschreite. So kam es auch. Leider musste Krösus feststellen, dass es sein eigenes Reich war, das am Ende unterging.

Auch wenn an den Märkten viele Köpfe an der Deutung des „Orakels von Jackson Hole“ mitarbeiten, sind sie vor Fehldeutungen nicht geschützt. Zusätzlich können nicht vorhersehbare Ereignisse, wie Kriege, Naturkatastrophen o.ä. jede Sommerprognose zum Jahresende zunichte machen. Dennoch kann ein kurzer Seitenblick auf den Kurs des MSCI World am 2.10. dieses Jahres ja nicht schaden. Liegt er dann – 30 Handelstage nach Jackson Hole – über 2.941 Punkten am 28. August?5 Dann wäre das zumindest nicht schlecht – auch wenn sich aus den Ergebnissen der Vergangenheit nie zuverlässige Prognosen ableiten lassen. 

Interessant ist für die meisten langfristig investierenden Privatanlegerinnen und Anleger der Blick aufs Jahresende ohnehin nur am Rande. Auch wenn ein Kalenderjahr einmal negativ schließt, können sie zum langfristigen Kapitalaufbau auf Aktien nicht verzichten. Denn für Realverzinsung festverzinslicher Anlagen bestehen trotz des Anstiegs der Leitzinsen langfristige noch lange keine guten Aussichten.


Quellen:

nzz.ch, 27. August 2023
Die Konferenzdaten und Protokolle veröffentlicht die Federal Reserve Bank of Kansas City unter https://www.kansascityfed.org/research/jackson-hole-economic-symposium/
Refinitiv, MSCI World Price Index (USD), 31.07.2023. Erträge der Vergangenheit sind keine Garantie für künftige Ergebnisse.
nzz.ch, 27. August 2023
Refintiv, 29. August 2023

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