ESG-Faktoren sind durch die Corona-Krise nicht unwichtiger geworden, vielmehr sind sie entscheidende Kriterien für den Anlageerfolg: Wer künftig bei der Kapitalanlage ESG- Faktoren ausblendet, könnte mit hohen Renditerisiken konfrontiert sein. Lesedauer 3 – 4 Min.

Fridays for Future, Waldbrände, CO2-Neutralität – lange hatte der Klimawandel die Schlagzeilen bestimmt und das öffentliche Bewusstsein nachhaltig verändert. In der Gesellschaft zeichnet sich bereits ein deutlicher Wandel ab, hin zu mehr Nachhaltigkeit und der Beachtung sozialer Aspekte. Das schlägt sich auch zunehmend in der Geldanlage nieder. 2019 landete in Europa mehr als jeder dritte Euro, der in Fonds investiert wurde, in einem Produkt mit Nachhaltigkeitsmandat.
 

Europäische Mittelzuflüsse in Nachhaltigkeitsfonds von 2010 bis 2019

Gegenüber 2017 und 2018 haben sich die Mittelzuflüsse 2019 mehr als verdoppelt (Grafik als Download verfügbar)

Quelle: Morningstar Direct, Manager Research, Stand Dezember 2019

Das Vermögen in europäisch beheimateten ESG-Fonds kletterte gegenüber dem Vorjahr um 56 % auf 668 Milliarden Euro – ein Rekordwert.1 Während ESG neben Umweltaspekten auch soziale Aspekte und Faktoren des Verhaltens beinhaltet, sind in Europa der Klimawandel und die Wende zu einem CO2-ärmeren Wirtschaften die Themen, die ESG-Investments ins Rampenlicht rückten.

Doch seit Februar dominiert die Corona-Krise unseren Alltag und die Kapitalmärkte. Seitdem geht es um unmittelbar existenzielle Themen: Krankheit, eventueller Jobverlust, schwindendes Vermögen. Sind Klimawende und ESG-Anlagen damit passé?

Die Klimawende und ihre Finanzierung

Einige Fakten deuten darauf hin, dass die Corona-Krise die Klimawende etwas ausbremsen könnte: So hat die Internationale Energieagentur (IEA) darauf hingewiesen, dass das am Anfang besonders virusgeschädigte China weltgrößter Hersteller vieler Technologien im Bereich erneuerbarer Technologien ist, etwa von Solarpanels, Windturbinen und Batterien für Elektroautos. Das werde Auswirkungen auf die Produktion haben.2 Inzwischen wissen wir: Es hatte Auswirkungen. Dazu kommt das nach dem Ölpreisabsturz im Februar und März deutlich billigere Öl, das eine Umstellung auf sauberere Energien für Verbraucher und Industrie ökonomisch weniger dringlich erscheinen lässt. Auch bei der Finanzierung der Klimawende könnte es zu Einschränkungen kommen. Laut IEA kommen über 70 % aller Investitionen in die Energieerzeugung direkt oder indirekt vom Staat. Angesichts der Kosten zur Bewältigung der Corona-Krise stehen dafür zusätzliche Ausgaben in Billionenhöhe an.2 Das geht sehr wahrscheinlich zunächst einmal zulasten des Ausgabenspielraums für die Energiewende.

Doch der Klimawandel ist nicht verschwunden, die Notwendigkeit zum Handeln nicht vom Tisch. Der Green Deal steht und die Europäische Union (EU) beschäftigt sich mit der Konkretisierung der Durchführung. Wenn es um staatliche Investitionsprogramme geht, wird – anders als bei den Soforthilfen zur Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen von Corona – der Fokus der Politik zeitnah wieder auf Nachhaltigkeit und CO2-Neutralität liegen. „Wir sollten nicht zulassen, dass die aktuelle Krise unsere Bemühungen zur Bewältigung der großen globalen Herausforderungen beeinträchtigt“, forderte auch der Exekutivdirektor der IEA, Fatih Birol.

Auch nach der Corona-Krise gilt: Klimarisiken sind Investitionsrisiken

Das Thema Klimawandel und Klimawende wird die Corona-Krise überdauern und ESG- Anlagen werden in naher Zukunft zur endgültigen Normalität werden. Dafür sprechen im Wesentlichen drei Gründe:

  1. Es deutet immer mehr darauf hin, dass nachhaltige Unternehmen profitabler sind. So zeigt eine Studie des Indexanbieters MSCI, dass Unternehmen, die unter ESG- Aspekten gut abschneiden, in der Regel niedrigere Refinanzierungskosten haben, höher bewertet sind und ein günstigeres Risiko-Ertrags-Profil aufweisen – mit höheren Gewinnen und niedrigem Langfristrisiko (Tail Risks).3 Eine Studie der Harvard Business School kommt zu dem Schluss, dass US-Unternehmen mit Top-Noten bei wichtigen Nachhaltigkeitskennzahlen eine deutlich bessere Wertentwicklung verzeichnen als Unternehmen mit schwacher Nachhaltigkeitsbilanz.4 

    Die überdurchschnittliche Entwicklung scheint auch auf Fondsebene zu gelten: So erhalten mehr ESG-Fonds die Top-Bewertung von Morningstar.5 „ESG steht für das, was Anleger bei Firmen gern mögen: Qualität, finanzielle Gesundheit und niedrige Volatilität, also Stabilität“, erklärte Morningstar. Das Analysehaus Scope kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: In den vergangenen zehn Jahren erzielten nachhaltige Fonds einen halben Prozentpunkt mehr Rendite als andere. Im Jahr 2019 lag die Outperformance sogar bei 3,1 Prozentpunkten.6

  2. Nachhaltigkeitsrisiken werden zunehmend zu Investmentrisiken, da die gesetzlichen Vorgaben verschärft werden. Unternehmen, die ESG-Aspekte ignorieren oder nur halbherzig verfolgen, dürften von den Verschärfungen besonders getroffen werden, etwa in Form erheblicher finanzieller Belastungen. Ein Beispiel ist die Autoindustrie: Die CO2-Grenzwerte in der EU werden restriktiver. Autokonzernen, die diese bei ihren Neuzulassungen nicht erreichen, drohen empfindliche Strafzahlungen.

  3. Immer mehr Kapital wird nachhaltig investiert. Das hat Folgen: Risikoprämien und relative Preise am Markt ändern sich grundlegend. Ein Unternehmen, das keinen oder nur wenig Wert auf Nachhaltigkeit legt, dürfte es in Sachen Kapitalbeschaffung schwerer haben und eine höhere Risikoprämie zahlen müssen. Wer heute schon bei Nachhaltigkeit vorangeht, dürfte es hingegen leichter haben.

Es gibt immer mehr neue Auflagen ...

Auch die Politik bzw. die Aufsichtsbehörden haben die Zeichen der Zeit längst erkannt. Schon im März 2018 hat die Europäische Kommission einen Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums verkündet. Der Plan folgt dem Pariser Klimaabkommen von 2016 und der Agenda 2030 der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung. Im Rahmen des Aktionsplans wurde im Dezember 2019 ein erster Vorschlag für eine Taxonomie vorgestellt, also eine allgemein verbindliche Definition dafür, wann ein Investment in der EU als „grün“ bezeichnet werden darf.

Darüber hinaus wird noch in diesem Jahr ein Update zu MiFID II erwartet, mit dem es zur Pflicht wird, das Thema Nachhaltigkeit im Beratungsgespräch anzuschneiden. Zudem hat die Bundesregierung den Sustainable Finance-Beirat ins Leben gerufen. Im März 2020 legte dieser einen ersten Zwischenbericht vor mit Handlungsempfehlungen für eine noch auszuarbeitende Strategie der Bundesregierung. Die will Deutschland zum führenden Standort für nachhaltige Finanzen machen. Unter anderem vorgesehen ist die erstmalige Emission einer grünen Bundesanleihe in diesem Herbst und der Beschluss über ein Nachhaltigkeitskonzept für bestimmte bundesnahe Anlagen.

Die Prinzipien für verantwortliches Investieren (UNPRI), eine Investoreninitiative in Partnerschaft mit der Finanzinitiative des UN-Umweltprogramms UNEP und dem UN Global Compact, gibt es zwar schon seit 2006. Doch die Zahl der Unterzeichner steigt und steigt. Ende 2019 waren es über 2.300, sie stehen für ein verwaltetes Vermögen von 90 Billionen US-Dollar.7 Die absehbaren regulatorischen Vorgaben und das Einschwenken von immer mehr Investoren auf die UN-Prinzipien lassen nur einen Schluss zu: Wer als Berater die Zukunft der Geldanlage seines Kunden plant, muss schon heute bei der Portfoliokonstruktion ESG-Aspekte mit in den Blick nehmen.

... und immer mehr Produkte

Dabei hat die Beratung in der Praxis schon heute die Qual der Wahl. Denn Angebot und Auswahl an Fondsprodukten wachsen. Per Ende Dezember 2019 bestand das ESG- Fondsuniversum in Europa aus 2.405 Fonds, einschließlich ETFs. 1 Während anfangs fast nur ESG-Aktienfonds angeboten wurden, sind nun auch zahlreiche ESG-konforme Anleihefonds und Misch- bzw. Multi-Asset-Fonds dabei. Gerade Anleihefonds wird noch großes Wachstumspotenzial zugesprochen. Hintergrund ist auch die steigende Zahl grüner Anleihen, der Green Bonds. 2019 kletterte das jährliche Neuemissionsvolumen am globalen Green Bond-Markt allein im Vergleich zum Vorjahr um über 50 % auf fast 258 Milliarden US-Dollar – ein neuer Rekord.8 Die Angebotspalette beschränkt sich im Übrigen auch nicht auf Aktien und Anleihen: Auch das Volumen der an Nachhaltigkeitskriterien orientierten Alternative Investments wächst, von Real Estate und Infrastruktur bis hin zu strukturierten Unternehmensfinanzierungen und Privatkrediten an Unternehmen.

Gerade für Privatanleger sind zudem immer mehr Fonds am Markt, die nicht oder kaum teurer sind als herkömmliche Produkte. Die Fondsindustrie hat den Schuss längst gehört und stellt sich um: mit immer neuen ESG-Fonds und der Umwidmung alter Fonds, aber auch mit einer tiefgehenden Integration von ESG-Kriterien in zentrale Anlageprozesse. Das gilt übrigens gleichermaßen für aktiv gemanagte und passive Fonds.

Heute die Weichen richtig stellen

Wer bezüglich der nachhaltigen Geldanlage immer noch zweifelt, könnte sich folgende Fragen stellen: Wo liegt die Zukunft? Wie werden wir uns in fünf oder zehn Jahren fortbewegen? Wie wird Energie erzeugt werden? Welche Unternehmen könnten davon profitieren? Auch spricht vieles dafür, dass selbst die Corona-Krise des Jahres 2020 nicht verhindern kann, dass weiterhin hohe Investitionen in Zukunftsthemen wie Gesundheit, Elektromobilität, Energieeffizienz oder nachhaltige Infrastruktur getätigt werden.

Gerade weil ESG-Ansätze sogar positive Auswirkungen auf Rendite und Risiko zu haben scheinen und der Umbau der Wirtschaft in Richtung Klimafreundlichkeit anhalten wird, ist ESG-Investing heute nicht mehr nur Kür, sondern Pflicht. Was der Trend hin zu ESG-Anlagen für die Beratung bedeutet.

Heute ist Zeit zum Handeln und zur Weichenstellung im Portfolio – zur notwendigen besseren Kontrolle von Risiken und zum Nutzen des besonderen Momentums.

Blacklists, Best-in-Class, Impact: Ein kleines Update zu den wichtigsten Begriffen des ESG-Investing finden Sie hier

Quellen:

1 Morningstar: „Ohne Nachhaltigkeit geht bei Fonds (fast) nichts“, 11. 02. 2020.
2 IEA: „Put clean energy at the heart of stimulus plans to counter the coronavirus crisis“, 14. 03. 2020.
3 MSCI: „Foundations of ESG Investing: How ESG Affects Equity Valuation, Risk, and Performance”, 2019.
4 Harvard Business School: „Corporate Sustainability: First Evidence on Materiality”, 2015.
5 Börsen-Zeitung: „Nachhaltigkeit lohnt“, 07. 03. 2020.
6 Handelsblatt: „Der Rendite-Vorsprung bei nachhaltigen Fonds wächst“, 03. 02. 2020.
7 UNPRI, 25. 03. 2020.
8 fundresearch.de: „Warum die EU-Regulierung den Green Bond-Markt stärkt“, 11. 03. 2020.

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