Nach der Finanzkrise 2008 waren sie die Hoffnungsträger im Portfolio, in den letzten Jahren oft die Schlusslichter: Günstige Bewertungen und aktive ökonomische Treiber setzen Zeichen für eine neue Epoche der Stärke. Diese 8 Fakten müssen Sie kennen.

Schwellenländer sind heute in vielen Portfolios stark unterrepräsentiert. Zu gut war die Performance der hochentwickelten Wirtschaftsregionen in den letzten Jahren, zu einfach, in Mainstreammärkten lukrativ anzulegen – zu sehr hatte sich in der Folge das Kapital aus den Emerging Markets zurückgezogen. Doch nun könnten die Zeichen auf eine erneute Wende hinweisen. Nicht nur Deutschland kratzt hart am Rande einer Rezession entlang1, auch andere Industrienationen der westlichen Hemisphäre schwächeln – und das bei gleichzeitig und inzwischen durchweg hohen Bewertungen an den Aktienmärkten. 

Demgegenüber haben sich in vielen der aufstrebenden Länder die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessert, was sich in den Bewertungen noch nicht niederschlägt. Das sind die 8 wichtigsten Fakten, die dafürsprechen, Schwellenländern wieder einen höheren Stellenwert in den Portfolios von Kundinnen und Kunden einzuräumen:

Fakt 1: Schwellenländer sind Wachstumsländer 

Mit der Wachstumsschwäche der Weltwirtschaft und insbesondere der Industrienationen kommt der Suche nach Wachstumspotenzialen im Portfolio wieder größere Bedeutung zu. Die Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zeichnen ein klares Bild für dieses und das kommende Jahr. Fast 70% des globalen Wachstums werden allein aus der asiatisch-pazifischen Region erwartet.2

Wachstumsprognosen des IWF (Grafik auch zum Download verfügbar)

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Internationaler Währungsfonds, World Economic Outlook, April 2023.

Fakt 2: Schwellenländer haben wieder solidere Staatsfinanzen 

Viele Schwellenländer haben aus dem Taper Tandrum 2013 gelernt. Damals gerieten sie bei wieder anziehenden Finanzierungsbedingungen in den USA unter Druck. Eine hohe Verschuldung in US-Dollar verursachte immense Kosten und bremste die Volkswirtschaften aus. Inzwischen wurden vielfach zwei wichtige Stellschrauben verändert: Die Abhängigkeit vom US-Dollar und steigenden US-Zinsen wurde reduziert, indem der Anteil an Krediten in Lokalwährungen erhöht wurde. Und: Ihre Verschuldung haben Schwellenländer im Durchschnitt besser im Griff als zum Beispiel die USA (mehr zu US-Staatschulden und dem US-Dollar). China stellt dabei allerdings die Ausnahme dar.

Verschuldung des öffentlichen Sektors (in % des nominalen BIP) (Grafik auch zum Download verfügbar)

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IWF, World Economic Outlook, April 2023. „How to take soaring public Debt“, 10. April 2023. Berechnungen der Mitarbeiter des IWF. Hinweis: Durchschnittswerte gewichtet nach dem nominalen BIP. Der schattierte Bereich bezeichnet den Prognosezeitraum. Die Stichprobe umfasst eine ausgewogene Gruppe von 32 entwickelten Volkswirtschaften und 45 Schwellenländern.

Fakt 3: Schwellenländer können Zinsen früher senken 

Die Zentralbanken in vielen Schwellenländern haben auf inflationäre Entwicklungen früh reagiert und die Inflation gut unter Kontrolle gehalten. Das zahlt sich aus. Während die Fed, die Bank of England und natürlich die EZB mit dem Zinserhöhungszyklus noch nicht zu Ende sind, könnten einige Schwellenländer bereits in diesem Jahr die Leitzinsen nicht weiter erhöhen oder sogar wieder senken und damit wichtige Konsumimpulse für ihre Wirtschaft setzen. Gleichzeitig setzt die frühere Leitzinssenkung allerdings die Währungen der betroffenen Länder unter Druck, da global gesehen die Nachfrage nach Währungen bei geringeren Zinsen sinkt.

Wo sinkende Leitzinsen schon 2023 erwartet werden (Grafik auch zum Download verfügbar)

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Quellen: Bloomberg, Fidelity International, 30. April 2023

Fakt 4: Schwellenländer verfügen über vielfältiges Konsumpotenzial

Die gewaltige Summe von 1,5 Billionen US-Dollar an Spar-Überschüssen wurde von chinesischen Haushalten während der langanhaltenden Lock-Down-Phase in China zurückgelegt.3 Insbesondere Schwellenländer der gesamten asiatisch-pazifischen Region könnten profitieren, wenn dieses Kapital Konsum und Nachfrage wieder verstärkt. Darauf wies der Internationale Währungsfonds in seinem Ausblick im Frühjahr dieses Jahres hin.3

Der Konsum in China entwickelte sich im ersten Halbjahr allerdings zögerlich. Noch im Juni waren die Einzelhandelsumsätze im Vergleich zum Vorjahr nur um 3,1 % gewachsen – weit weniger als erwartet. Auch der Einkaufsmanagerindex (PMI) für das verarbeitende Gewerbe als wichtiger konjunktureller Frühindikator blieb bis Juli zum vierten Mal in Folge unter der kritischen Grenze von 50 Punkten.

Die chinesische Regierung hat das Problem erkannt und steuert nun mit einem 20-Punkte-Konsumpaket gegen. Ob dieses allein das gesamte Potenzial für den chinesischen Konsum abrufen kann, wird von Experten bezweifelt.4 Allerdings ist sich die Führung des Landes der „fundamentalen Rolle“ des Konsums bewusst.5 Sollte der aktuelle Plan zur Unterstützung des Konsums nicht ausreichen, könnten demnach weitere Maßnahmen folgen. Die Entschlossenheit Chinas, Wirtschaft und Konsum zu fördern, zeigt sich auch am Kurs der chinesischen Zentralbank. Zum zweiten Mal seit Juni dieses Jahres hat sie bereits die Leitzinsen gesenkt.6

In längerfristiger Perspektive müssen sich Anlegerinnen und Anleger beim Konsum in Schwellenländern nicht allein auf China verlassen. Jüngste Erhebungen zeigen, dass Indien in Bezug auf die Bevölkerungszahlen inzwischen zu China aufgeschlossen hat. Nach Angaben der „Brookings Institution“ (einer unabhängigen Denkfabrik mit Sitz in Washington, D. C.) sind die demografischen Unterschiede dabei allerdings sehr groß. Während in China der Konsum in der Hauptsache von der städtischen Bevölkerung im Alter von 45 und mehr Jahren getragen wird, sind es in Indien vornehmlich junge Menschen und die ländliche Bevölkerung, von denen wachsenden Konsumimpulse erwartet werden. Daraus ergibt sich eine sehr breit gestreute Nachfrage nach technologischen Produkten und hoher Qualität in China, während Indien teils noch eine unterentwickelte Durchdringung mit Konsumgütern aufzuholen hat.

China und Indien: Große Bevölkerungen als Konsumpotenzial (Grafik auch zum Download verfügbar)

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Quelle: Brookings Institution, 14. April 2023. „China and India: The future of the global consumer market“.

Fakt 5: Schwellenländer können von Rohstoffmärkten profitieren – aber nicht nur

Schwellenländer sind schon lange nicht mehr allein Rohstofflieferanten. Die Aktienmärkte der Regionen enthalten inzwischen auch wichtige Titel aus Technologie, Media, Unterhaltung, zyklischen Konsumgütern etc.. Der Anteil der „New Economy“ hat gemessen an der Marktkapitalisierung über die Jahre zugenommen.

Jüngere Entwicklungen reflektieren allerdings wieder den Rückenwind durch die weltweit steigende Rohstoffnachfrage. Die „Old Economy“ in vielen Schwellenländern boomt. Globale Entwicklungen wie Dekarbonisierung, Elektromobilität, aber auch die Zunahme der Nutzung künstlicher Intelligenz treiben hardwareseitig die Nachfrage nach Rohstoffen aus Schwellenländern wie zum Beispiel Kupfer.

Schwellenländer: Old und New Economies (Grafik auch zum Download verfügbar)

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Quelle: Bloomberg, 22. Juni 2023

Fakt 6: Schwellenländer bieten vergleichsweise günstige Bewertungen  

Nach Jahren haussierender Aktienmärkte in den Industrieländern sind die Bewertungen von Aktien vielfach auf durchaus ambitionierte Niveaus geklettert. Betrachtet man das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KVG), bekommt man in Schwellenländern deutlich „mehr für’s Geld“. Günstige Bewertungen bieten auch einen weiteren Vorteil: Die Risiken beim Aufbau einer Exponierung sind deutlich geringer als beim Einstand in Zeiten hoher Bewertungen. Wenn Kundinnen und Kunden aus der Vergangenheit „schlechte Erfahrungen“ mit Schwellenländertiteln verbinden, kann nicht selten der späte Einstieg bei damals schon höheren Bewertungen ein wichtiger Grund für die Enttäuschungen gewesen sein. Ein frühzeitiger Einstieg, statt dem Markt hinterherzulaufen, kann die Ausgangssituation entscheidend verbessern.

Schwellenländer: Weniger zahlen für Unternehmensgewinne (Grafik auch zum Download verfügbar)

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Quelle: Fidelity International, Juli 2023. Analysten-Berechnungen von Fidelity (Schätzwerte).

Fakt 7: Schwellenländer-Aktien haben geopolitische Risiken oft eingepreist

Der Krieg in der Ukraine hat einmal mehr ins Bewusstsein gerufen: Jedes Investment – gleich in welcher Wirtschaftsregion – kann von geopolitischen Risiken belastet werden. Dennoch wird allgemein unterstellt, dass die politischen Risiken bei Schwellenländerinvestment stärker wiegen können als in westlichen Industrienationen. 

Ein frappierendes Beispiel bietet der Vergleich Nvidia, dem enorm erfolgreichen US-Chiphersteller, und TSMC, dem hochspezialisierten Hersteller von Halbleitern aus Taiwan. Im letzten Jahr hat der Kurs des Aktie von Nvidia durch den KI-Hype um 100% zugelegt. Die Aktie wird mit dem 200fachen des Gewinns gehandelt. Im selben Zeitraum konnten TSMC-Aktien kaum zulegen. Die Bewertung liegt noch immer bei einem KVG von 15. Und das, obwohl Nvidia bei TSMC produzieren lässt und auf die Expertise der Taiwanesen bei Halbleitern höchster Qualität angewiesen ist.

Die vergleichsweise günstige Bewertung von TSMC verdeutlicht, wie sehr die Aktienmärkte die politischen Risiken rund um die China-Taiwan-Frage bereits eingepreist haben.

TSMC: Politische Risiken dämpfen Aktienpreis des Schwellenlandpendants (Grafik auch zum Download verfügbar)

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Quelle: Bloomberg, Fidelity International, 31.05. 2023. Die Nennung von Unternehmen dient rein illustrativen Zwecken. Es darf daraus weder ein Hinweis zum Kauf noch Verkauf unternehmensbezogener Wertpapiere abgeleitet werden.

Fakt 8: Schwellenlandinvestments können nachhaltiger sein als ihr Ruf

Auch der Wunsch, das eigene Kapital in nachhaltigen Investments anzulegen, muss einer Exponierung in Schwellenländern nicht mehr entgegenstehen. Gerade in Südamerika mit einem Schwerpunkt auf der Rohstoffgewinnung sind vielerorts deutliche Fortschritte in Sachen Umweltschutz und Einhaltung von Governance-Standards zu beobachten. Allerdings bleiben solche durchaus positiven Entwicklungen oft bei oberflächlichem Hinsehen verborgen, da es noch an der Offenlegung von Nachhaltigkeitsgrößen und Kennzahlen mangelt.

Verbesserte ESG-Praktiken: Oft hinter schwachen Offenlegungsraten verborgen (Grafik auch zum Download verfügbar)

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Prozentualer Anteil = Offenlegungsrate im Sustain Framework von Goldman Sachs.
Quelle: Goldman Sachs Global Investment Research, 2023. Durchschnittliche Offenlegung von Umwelt- und Sozial-Daten durch Unternehmen im Sustain Framework von Goldman Sachs. Die Werte beziehen sich auf die 50 weitestverbreiteten Daten zu Umwelt und Sozialstandards, die von Goldman Sachs identifiziert wurden.

Fazit 

Bei allen Risiken, die insbesondere geopolitischer Natur sind: Es dürfte sich für Ihre Kundinnen und Kunden lohnen, wieder verstärkt ein Augenmerk auf Aktien aus Schwellenländern zu legen. Die gegenwärtig vergleichsweise günstigen Bewertungsniveaus erlauben den vorsichtigen Aufbau einer Exponierung und die Steigerung des Schwellenländeranteils im Portfolio mit geringeren Einstiegsrisiken als in manch früheren Zeiten.

Die Unterschiede der globalen Schwellenländermärkte sind groß und die Werttreiber einzelner Titel sind ungeheuer divers. Das bietet zwar einerseits außergewöhnlich gute Chancen zu Diversifikation. Andererseits erfordert es aber auch eine sorgfältige Auswahl einzelner Unternehmen und ihrer Aktien. Für private Anlegerinnen und Anleger dürfte sich bei dieser Ausganglage ein Investment mit Hilfe aktiv gemanagter Fonds anbieten, bei denen Expertenteams mit detaillierter Marktkenntnis und großen Ressourcen für die lokale Analyse die Selektion der Portfoliounternehmen im Fonds vornehmen.

Quellen:
1 Destatis, Bruttoinlandsprodukt stagniert im 2. Quartal 2023, 28.7.2023
2 Internationaler Währungsfonds, World Economic Outlook, April 2023
3 Internationaler Währungsfonds, World Economic Outlook, April 2023
4 Handelsblatt.de, „China setzt auf neues Konsumpaket“, 31.07.2023
5 Manager Magazin.de, 31.07.2023
Reuters, „China central bank unexpectedly cuts rates to support sputtering economy", 15.08.2023

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