Wenn Anlegende die Chancen ihres Investments abschätzen, kommt häufig die Aussicht auf Wirtschaftswachstum ins Spiel. Doch was ist das BIP, das dabei gemessen wird? Und was sagt es wirklich über Wirtschaftsleistung, Wohlstand und Unternehmensgewinne?

Aktuelle Meldung des Statistischen Bundesamts: Die Wirtschaftsleistung Deutschlands ist gegenüber dem Vorquartal in den ersten drei Monaten des Jahres auf Kurs Nullwachstum – 0,0% Wirtschaftswachstum1, Stagnation in diesem zugegeben engen Zeitfenster. Wann immer das vorkommt, ist es ein Auslöser für besorgte Kommentare aus Medien und Politik. 

Doch wie ist die Messmethode und wo sind ihre Grenzen? Was sagt das BIP über den Wohlstand der Menschen aus? Was über die Aussichten von Unternehmen Und schließlich bleibt die Frage zu klären, ob ein nationales Bruttoinlandsprodukt für Anlegerinnen und Anleger, die ihr Kapital letztlich in Unternehmen investieren, entscheidend zur Ausrichtung der Allokation beitragen kann.

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Das BIP. Eigentlich ganz einfach.

Das Bruttoinlandsprodukt ist eine der wesentlichen wirtschaftlichen Kennzahlen, die supranationale Organisationen wie der Internationale Währungsfonds bei der Beschreibung einzelner Volkswirtschaften zugrunde legen.2 Andere Größen sind zum Beispiel die Arbeitslosenquote, das Lohnniveau, die Inflationsrate etc.

Bruttoinlandsprodukt: Die Definition

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist ein Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft in einem bestimmten Zeitraum. Es misst den Wert der im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen (Wertschöpfung), soweit diese nicht als Vorleistungen für die Produktion anderer Waren und Dienstleistungen verwendet werden.

Es kann auf unterschiedliche Weise berechnet werden. In der Entstehungsrechnung (Produktionsansatz für die Berechnung) geht man der Frage nach, welche Wertschöpfung Produzenten erzielen, indem man vom Wert ihrer erstellten Waren oder Dienstleistungen die Kosten der Vorleistungen abzieht, die sie dafür eingesetzt haben.

Ein besonders übersichtlicher Berechnungsansatz setzt an der Nachfrageseite an. Bei dieser Verwendungsrechnung werden die Ausgaben von privaten und staatlichen Verbrauchern für die Endverwendung von Waren und Dienstleistungen ermittelt. Alle Methoden kommen zum selben Ergebnis.

BIP für Deutschland: Berechnungsbeispiel Verwendungsrechnung (in Mrd. Euro)

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Quelle: Statistisches Bundesamt, 2023 – Beispielhafte Rechnung für 2015 in jeweiligen Preisen

Das Bruttoinlandsprodukt wird quartalsweise und jahresweise von den Statistikbehörden der Länder ermittelt. In Deutschland übernimmt das Statistische Bundesamt diese Aufgabe. Es meldet jeweils für das Quartal sogenannte „bereinigte“ Werte.

Wichtige Differenzierungen – bereinigte Werte

Beim BIP geht es selten um den einzelnen ermittelten Wert für das jeweilige Quartal. Interessant wird es im Vergleich. Wie hat sich die Wirtschaftsleistung im Vergleich zum letzten Quartal entwickelt? Wie steht das jetzige Quartal (zum Beispiel Q1) im Vergleich zum selben Quartal im Vorjahr da? Um diese Vergleiche sinnvoll vornehmen zu können, legen die Statistiker in der Regel preisbereinigte Zahlen vor. Das heißt, dass der Einfluss der Inflation herausgerechnet wird. 

Vergleicht man die Wirtschaftsleistung im gegenwärtigen Quartal mit der des vorangegangenen Quartals, sind weitere Bereinigungen erforderlich. „Kalenderbereinigt“ bedeutet, dass der Einfluss der Zahl der Arbeitstage getilgt wird. 

Auch saisonbereinigte Werte sind wichtig, wenn man Zeiträume vergleicht. Beispielsweise ist das Baugewerbe, das in Deutschland für immerhin 6 % des BIP3 steht, stark saisonabhängig, da bestimmte Leistungen in den Wintermonaten nicht erbracht werden können. 

Saison- und kalenderbereinigt ergeben sich übersichtlichere, aussagekräftigere Auswertungen. 

Das BIP Deutschlands seit 2005
(preisbereinigt, 2015 = 100)

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Quelle: Statistisches Bundesamt, April 2023

Internationaler Vergleich: Wirtschaftliche Bedeutung einzelner Staaten

Für Anlegende wichtig: Die im BIP gemessene Wirtschaftsleistung eines Landes gilt als zentrale Kenngröße seiner wirtschaftlichen Bedeutung. Die seit einigen Jahren immer wieder angesprochene Ablösung der USA als weltgrößter Wirtschaftsmacht durch China, bezieht sich genau darauf. Gegenwärtig (berechnet für 2022) liegt das Bruttoinlandsprodukt Chinas noch hinter dem der USA.

Die 10 Länder mit dem größten Bruttoinlandsprodukt 2022 (in Milliarden US-Dollar)

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Quelle: Internationaler Währungsfonds, April 2023

Das BIP: Wirklich ein Wohlstandsindikator?

Schon früh wurde das BIP auch als Basis für die Berechnung des Wohlstandes der Bevölkerung eines Landes herangezogen. Wenn man die Wirtschaftsleistung durch die Zahl der Einwohner teilt (BIP pro Kopf), hat man ein Bild des durchschnittlichen Wohlstands des Einzelnen – so die Überlegung. Grundsätzlich lässt sich so zumindest im globalen Vergleich tendenziell die Unterscheidung zwischen entwickelten Volkswirtschaften und Schwellenländern ablesen, wie die Grafik zeigt.

BIP pro Kopf in den wichtigsten Industrie- und Schwellenländern (G 20)
(jeweilige Preise im Jahr 2022 (in US-Dollar))

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Quelle: Internationaler Währungsfonds, April 2023

Doch das BIP als Wohlstandsindikator ist mit vielen Fragezeichen versehen. So leben die Menschen im kleinen Luxemburg mit dem weltgrößten BIP pro Kopf (127.579,81 US-Dollar). Ist ihr Wohlstand damit rund anderthalbmal so hoch wie der eines US-Bürgers oder einer US-Bürgerin, mehr als doppelt so hoch wie der eines Menschen in Deutschland oder dreimal so hoch wie in Italien?

Das BIP als Wohlstandsindikator steht schon lange in der Kritik, da zum Beispiel den Wohlstand fördernde Tätigkeiten (wie Hausarbeit, persönliche Betreuung Pflegebedürftiger, unentgeltliches Babysitten) gar nicht berücksichtigt werden. Den Wohlstand eines Landes mindernde Faktoren wie die Abholzung von Wäldern gefährdeter Baumarten können sogar positiv eingehen – was sicherlich als fragwürdig angesehen werden dürfte. Aspekte wie diese rücken aktuell zunehmend, auch angesichts der Forderung, Nachhaltigkeitsgrößen stärker zu berücksichtigen, in den Fokus.

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Schon lange bemühen sich Wissenschaftler um Alternativen zum BIP für die Wohlstandsmessung. So haben etwa die Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen ein Konzept für einen alternativen Wohlstandindex vorgelegt. Darin gehen unbezahlte Leistungen durch Hausarbeit, Ehrenamt und dergleichen in den Index ein. Größere Ungleichheit der individuellen Einkommen, der Verbrauch unwiederbringlicher Ressourcen schlagen negativ zu Buche. Positiv als Wohlstandsparameter wirken dagegen staatliche Ausgaben für Bildung und Gesundheit. Stiglitz und Sen wollen auch Umfrageergebnisse zur subjektiv empfundenen Lebensqualität in den Index einbeziehen.4 Allerdings ist die Erhebung der erforderlichen Werte für diesen Index noch immer fraglich. Keine der bisher vorgeschlagenen Alternativen hat das BIP pro Kopf als Wohlstandsindikator bisher ersetzen können.

Grenzen des BIP – auch als Wirtschaftsindikator

Schiebt man alle Zweifel am BIP als Wohlstandsindikator einmal beiseite, bleiben allerdings auch als reiner Indikator der Wirtschaftsleistung Unzulänglichkeiten – und diese wachsen angesichts der sich verändernden Wirtschaftsweise in unserer zunehmend digitalen Welt. 

Schon immer weisen Fragen auf systematische Mängel hin: So schlägt ein Autounfall mit Personenschaden zunächst einmal positiv zu Buche – was man nicht meinen sollte, da ja Werte vernichtet werden, Arbeitskraft verringert wird. Aber das BIP zählt auf der Plus-Seite die Ausgaben: Der Krankenwagen muss anreisen, das medizinische Personal im Krankenhaus eingesetzt werden, der Abschleppdienst kommen, das Auto repariert werden.

Fragwürdige Messgrößen wie diese gibt es einige im BIP. Allerdings: Wenn es nur um die vergleichende Betrachtung über die Zeit (BIP in aufeinander folgenden Quartalen) geht, fallen diese nicht ins Gewicht, da sie über die Messperioden fortgeschrieben werden und in den relativen Werten untergehen.

Wichtiger sind aus Anlegersicht Faktoren, die sich seit einiger Zeit verstärken und das Bruttoinlandsprodukt, so wie es traditionell berechnet wird, zu einem immer zweifelhafteren Indikator machen. Sie haben wesentlich damit zu tun, dass sich im digitalen Zeitalter das Wesen unserer Wirtschaft wandelt: von der Produkt- zur Datenökonomie.

Drei Gründe, warum die Aussagekraft des BIP nachlässt

  • Sharing Economy: Autos, Häuser, Heimwerkermaschinen… – gerade in jüngeren Generationen vollzieht sich ein Wandel vom „Besitzen zum Gebrauchen“. Die Folgen sind perspektivische Verminderung der Produktion und ökonomisch oft schwer erfassbare Gebrauchskosten (inkl. unentgeltlicher Überlassung…).
  • Datenökonomie: Daten sind der neue Rohstoff der digitalen Wirtschaftsweise. Doch ihre Bedeutung und ihr Wert werden im BIP noch unzureichend reflektiert.
  • Internationalisierung: Schon seit Jahrzehnten mit dem Aufkommen multinational tätiger Unternehmen eine Herausforderung, wird die Zuordnung einer Wirtschaftsleistung zu national begrenzten Volkswirtschaften in unserer digitalen Welt zunehmend zum großen Problem. Welcher Volkswirtschaft wird die global mögliche Nutzung von Online-Angeboten als wertschöpfend zugerechnet?

Das BIP und Allokationsentscheidungen in der Kapitalanlage

Die wachsende „Unzuverlässigkeit“ des BIP in der nationalen Zuweisung von Wertschöpfung lässt auch seine Bedeutung für die Allokationsentscheidung im Anlageportfolio schrumpfen. Eine Aussage wie „Auf die nächsten fünf Jahre wird in den USA ein größeres BIP-Wachstum erwartet als in Europa, deshalb lege ich ein Schwergewicht bei den Aktien entwickelter Länder auf die von US-Unternehmen“ greift daher deutlich zu kurz. Außer in Extremfällen (Nahe-Zusammenbruch einer Wirtschaft mit extremen Unsicherheiten für die, in ihr beheimateten Unternehmen) sollte das BIP nicht als alleinige Grundlage für regionale Allokationsentscheidungen dienen.

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Einzelne Unternehmen können sich in Umsatz und Gewinn prächtig entwickeln, auch wenn das BIP im Land um sie herum schrumpft. Außerdem lohnt es sich, genau hinzusehen, von welchen Volkswirtschaften die Gewinne von Unternehmen abhängen (zum Beispiel beim Export oder wirtschaftlicher Tätigkeit jenseits der eigenen Ländergrenzen). Wer in Unternehmen investiert und ihnen damit Eigen- oder Fremdkapital zur Verfügung stellt, muss sich zuallererst um das Unternehmen selbst, seine Bilanzen, sein Geschäftsmodell, seine Perspektiven kümmern. Oder noch besser: Als Anlegerin und Anleger in Fonds kann man diese Aufgabe versierten Portfoliomanagern überlassen.

Das BIP bleibt Grundlage politischer Steuerung 

Da sich kein alternativer Gradmesser für die Wirtschaftsleistung etabliert hat, bleibt das BIP jedoch ein wesentlicher Faktor bei den politischen Entscheidungen auf nationaler Ebene und in vereinigten Wirtschaftsräumen wie der EU. Es wird von den Regierungen zur Steuerung von Fiskalpolitik und Subventionspolitik eingesetzt. Und geldpolitisch spielt es für die Zinsentscheidungen der Zentralbanken eine gewichtige Rolle. Denn deren Aufgabenspektrum hat sich über die Jahrzehnte erweitert. Alle Zentralbanken weltweit sehen heute nicht mehr allein die Geldwertstabilität als ihr alleiniges Ziel an. Nach allgemeinem Verständnis sollten sie zwar Geldwertstabilität anstreben und durch Geld- und Zinspolitik zu erreichen versuchen – allerdings möglichst ohne die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes oder Währungsraumes allzu negativ zu beeinflussen.

Quellen:

1 Statistisches Bundesamt, Veränderung zum Vorquartal (preis-, saison- und kalenderbereinigt), 28. April 2023
2 https://dsbb.imf.org/sdds-plus/country/DEU/advance-release-calendar-base
3 Statistisches Bundesamt, Werte für 2022, Stand Februar 2023
4 Süddeutsche Zeitung, „Wider den Hurrapatriotismus der Wachstumsfetischisten“, 5. September 2011
 

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