China birgt zunehmend unternehmerische Risiken. Viele Unternehmen wollen daher ihre Abhängigkeit vom Reich der Mitte reduzieren. Indien gilt als Alternative mit guten Voraussetzungen. Ein Rest politischer Unsicherheit bleibt allerdings.

China als Wirtschaftsmacht und Wirtschaftsstandort hat in den letzten Jahren einiges an Strahlkraft eingebüßt. Die überalternde Gesellschaft – Folge der Ein-Kind-Politik – ist ein demografisches Dauerhandicap. Die Corona-Politik mit radikalen Lockdowns hat die Verlässlichkeit als Produktions- aber auch als Handelspartner untergraben. Zusätzlich entwickelt sich China zunehmend aus politischen Gründen zum unternehmerischen Risiko: Der Konflikt mit dem Nachbarn Taiwan spitzt sich zu, eine militärische Eskalation ist nicht ausgeschlossen. Und der Krieg in der Ukraine lehrt gerade Unternehmen in Europa, welche fatalen Auswirkungen sich aus zu engen wirtschaftlichen Beziehungen zu Autokratien ergeben können.

Auf der Suche nach neuen Partnern der Industrie kommt Indien als aufstrebende Wirtschaftsmacht ins Spiel. In den Nachrichten sorgte das bereits für Aufmerksamkeit: Im September präsentierte der US-amerikanische Tech-Konzern Apple das iPhone 14. Wie Bloomberg berichtete, soll das neue Modell zum ersten Mal von Beginn an sowohl in China als auch in Indien produziert werden. Apple will seine Produktion diversifizieren, die Abhängigkeit von der Volksrepublik reduzieren. Doch verfügt das Land über das Potenzial, Chinas Lücke im großen Stil zu füllen?

Demografie und Modernisierung unterstützen Wachstum

Die Vorstellung, Indien sei das China der Zukunft, ist nicht neu. Der Subkontinent weist stabile Wachstumsraten auf. Nur reichten diese bislang nicht aus, um aus dem Schatten Chinas herauszutreten. Das könnte sich bald ändern, gelang es dem Land doch recht schnell, von der Pandemie wieder zum Aufschwung zurückzufinden. Nach Angaben der Weltbank ist die indische Wirtschaft zwischen April 2021 und März 2022 um 8,3 Prozent gewachsen.1 Auch wenn die Folgen des Ukraine-Kriegs deutlich spürbar sind, bleibt der Blick in die Zukunft aussichtsreich: Selbst konservativen Schätzungen zufolge dürfte Indien Ende dieses Jahres die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt sein. 

Indien: dynamisches Wirtschaftswachstum

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Bruttoinlandsprodukt (BIP) in jeweiligen Preisen von 1980 bis 2021 und Prognosen1 bis 2027 (in Milliarden US-Dollar).
Quelle: Internationaler Währungsfonds (imf.org), April 2022

Mit dem Aufschwung modernisiert der Staat zudem seine Infrastruktur massiv. Im Juni 2019 stellte die reformfreudige Regierung um Premierminister Narendra Modi die National Infrastructure Pipeline (NIP) vor – ein 1,3 Billionen Euro schweres Infrastrukturprogramm, das 6.500 Einzelprojekte umfasst.2 Investiert wird seither unter anderem in die Bereiche Energie, Straßenverkehr, Schienennetze, Digitalisierung sowie Gesundheits- und Bildungseinrichtungen.

Nicht nur die indische Wirtschaft und Infrastruktur florieren. Im nächsten Jahr wird Indien mit etwa 1,4 Milliarden Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Welt sein. Der Staat profitiert dabei von der sogenannten demografischen Dividende: Die Gesellschaft wird immer jünger, gesünder, gebildeter und kaufkräftiger.

„Demografische Dividende“: Extrem junge Bevölkerung

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Altersstruktur von 1950 bis 2021 und Prognosen bis 2050. Anteile der Altersgruppen an der Gesamtbevölkerung in %. 
Quelle: UN DESA (population.un.org), Juli 2022

Ein Vergleich macht die Unterschiede deutlich: Während in Deutschland im Jahr 2050 rund 21%3 und in China sogar über 30%4 der Bevölkerung nicht mehr am Erwerbsleben teilhaben werden, wird dieser Anteil für Indien mit nur 15% prognostiziert. Die Folge: Andere Staaten leiden unter der Alterung der Bevölkerung und Fachkräftemangel, Indien dagegen verfügt über ein riesiges Reservoir an qualifiziertem Nachwuchs. Der wachsende Wohlstand kurbelt den Binnenkonsum an und schafft einen riesigen Absatzmarkt, der internationalen Unternehmen und Investoren Chancen eröffnet.

Politische Stabilität – doch ein Rest Unsicherheit bleibt

Schließlich kommt auch die politische Stabilität dem Land zugute. Im Gegensatz zu China ist Indien keine Autokratie. Das Land versteht sich selbst vielmehr als größte Demokratie der Welt. Das allerdings darf man mit Fragezeichen versehen. Jedenfalls deckt sich das indische Freiheitsverständnis sicher nicht mit dem des Westens. Ein Blick auf den Demokratieindex des britischen Wirtschaftsmagazins The Economist ernüchtert. Dort erhielt Indien lediglich den Status der „defizitären Demokratie“.

Auch außenpolitisch ist Indien nicht leicht einzuordnen. Ein derzeit deutliches Indiz ist die neutrale Haltung Indiens im Ukraine-Krieg. Die Handelsbeziehungen zu Russland wurden durch Sanktionen weder eingeschränkt noch eingestellt. Im Gegenteil: Auf dem diesjährigen Ostwirtschaftsforum (EEF) verkündete Wladimir Putin, dass das Volumen der Lieferungen von russischem Öl nach Indien zukünftig zunehmen wird.

Fazit für Anlegende und die Beratung

Indien ist ein Land im Umbruch. Wirtschaftliche Transformation, soziale Reformen, stabiles Wachstum und eine immer bessere Infrastruktur machen den Subkontinent für Unternehmen und Investoren gleichermaßen attraktiv. Gleichzeitig vollführt das Land wie auch China einen Drahtseilakt: Man will den wirtschaftlichen Austausch mit Russland aufrechterhalten, ohne die Beziehungen zum Westen zu kappen. Solange das politische Selbstverständnis Indiens diesem Widerspruch standhält, wird die wirtschaftliche Partnerschaft mit dem Westen immer eher ein strategisches Zweckbündnis sein als eine tiefe Verbindung. 

Die Demokratie in Indien könnte sich mit zunehmender Bildung der Bevölkerung und dem Austausch mit demokratischen Nationen weiter festigen. Die Aussicht des „Wandels durch Handel“ kann sich allerdings auch als trügerisch erweisen, wie die Beispiele Chinas und Russlands zurzeit überdeutlich lehren. Damit bleibt bei Investments in Indien aus Sicht von Investoren immer ein politisches Restrisiko, das es im Auge zu behalten gilt. Denn es spricht aus wirtschaftlicher Sicht wenig dafür, die künftig am schnellsten wachsende Weltwirtschaft mit immer größerem Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung aus dem Portfolio auszuschließen. 

Anleger finden im Fondsfinder der FFB fast 70 Fonds mit dem regionalen Schwerpunkt Indien. Wer an den Wachstumschancen des Subkontinents teilhaben möchte, aber das einseitige Risiko scheut, kann auch aus über 700 Schwellenländerfonds wählen, die bei der FFB verfügbar sind – darunter auch solche, die China explizit ausschließen. Der Anteil Indiens an diesen Fonds dürfte mit dessen wirtschaftlicher Bedeutung wachsen. Aktiv gemanagte Fonds können zudem die politischen Risiken in ihre Anlageentscheidungen mit einbeziehen – und im Falle einer tatsächlich ungünstigen Entwicklung den Anteil indischer Investments reduzieren.

Quellen:
1 https://www.gtai.de/de/trade/indien/wirtschaftsumfeld/indiens-wirtschaft-zeigt-sich-robust-245176
2 https://www.gtai.de/de/trade/indien/branchen/indien-will-1-3-billionen-euro-in-die-infrastruktur-investieren-523462
3 Vdek, 2021
4 UN DESA, Juli 2022
5 https://www.economistgroup.com/group-news/economist-intelligence/democracy-index-2021-less-than-half-the-world-lives-in-a-democracy

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